FGSV-Nr. FGSV 001/9
Ort München
Datum 13.10.1982
Titel Begrüßung durch den Vorsitzenden der Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen
Autoren Eberhard Knoll
Kategorien Kongress
Einleitung

Als Vorsitzender der Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen begrüße ich Sie sehr herzlich zum Straßenkongreß 1982, der unter dem Motto steht:

Straße und Gesellschaft – Wege in die Zukunft.

Ich freue mich, daß ich trotz der Rezession im Straßenbau, aber nicht nur im Straßenbau, so viele Teilnehmer zu unserem Kongreß begrüßen kann.

Mit Bedacht, aber auch mit Selbstbewußtsein, haben wir das Leitthema dieses Kongresses ausgewählt, zu dem aus den verschiedensten Blickrichtungen die Referenten Stellung nehmen werden.

Bis Anfang der Woche habe ich noch die Hoffnung gehabt, den neuen Bundesverkehrsminister, Herrn Dr. Dollinger, bei uns begrüßen zu können.

Die Präsenzpflicht, die heute im Bundestag durch die Abgabe der Regierungserklärung des Bundeskanzlers vorgeschrieben ist, verhindert die Teilnahme von Herrn Verkehrsminister Dollinger. In einem mir übersandten Telegramm bedauert dies Herr Dr. Dollinger außerordentlich und wünscht dem Kongreß viel Erfolg.

Auch aus der Sicht einer Stadt, sehr geehrter Herr Bürgermeister Gittel, den ich sehr herzlich in Vertretung des leider verhinderten Oberbürgermeisters Kiesl begrüße, wird das Kongreßthema interessante Perspektiven aufzeigen. Meine Feststellung, daß auch in einer Großstadt wie in München der ÖPNV nicht alles leisten kann, soll das Spannungsfeld im Modal-Split von Ballungsgebieten veranschaulichen.

Ich möchte jedoch bereits am Beginn dieses Kongresses die Auffassung der FGSV deutlich machen, daß nach unserer Ansicht nur eine ausgewogene Kooperation aller Verkehrsmittel – vor allen Dingen in den Ballungsgebieten – zu einer vernünftigen, zukunftsweisenden Verkehrspolitik führen kann, wie es uns München in vielen Bereichen dokumentiert.

Vielen Dank für Ihre Bereitschaft, Herr Bürgermeister Gittel, im Namen der bayerischen Landeshauptstadt zu den Kongreßteilnehmern zu sprechen.

Mit großer Freude und Genugtuung, Herr Staatsminister Tandler, begrüße ich Sie als Vertreter des Landes Bayern auf unserem Kongreß. Die Kongreßteilnehmer sehen Ihren Ausführungen mit großem Interesse entgegen, einmal aus bayerischer Sicht die heutigen Probleme des Straßenbaues dargestellt zu bekommen. Meinen verbindlichen Dank für ihr Kommen und Ihre Bereitschaft, zu uns zu sprechen.

Das Thema Straße und Gesellschaft ist an sich schon – und selbst hier in Bayern – eine Herausforderung.

Umso dankbarer bin ich Ihnen, Herr Dr. Thul, daß Sie zu dem Thema Straßenbau eine Herausforderung für den Ingenieur sprechen wollen.

In konsequenter Fortsetzung dieses Themas sollte der Vorsitzende der Bundesfachabteilung Straßenbau im Hauptverband der Deutschen Bauindustrie und gleichzeitig stellvertretender Vorsitzender der Forschungsgesellschaft, Herr Dipl.-Ing. Moll, der breiten Öffentlichkeit eine Aussage über Sinn und Zweck des Straßenverkehrs und Straßenbaus in unserer Industriegesellschaft machen. Leider ist Herr Moll durch einen tragischen Unfall innerhalb seiner Familie verhindert, das Referat zu halten.

Dankenswerterweise hat sich Herr Lattermann, ebenfalls Vorstandsmitglied der Bundesfachabteilung kurzfristig bereit erklärt, das Referat zu übernehmen.

Aus der satzungsgemäßen Aufgabe der FGSV heraus spricht Herr Professor Hiersche sozusagen in FGSV-eigener Sache, wenn er zu Fragen der Forschung für den Verkehr der Zukunft eine Antwort zu geben versucht. Aber auch die Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen greifen diesen verknüpfenden Leitgedanken in ihren Einzelthemen auf.

Schon frühzeitig hat sich die Forschungsgesellschaft mit der Straßenerhaltung und ihren zukunftsbezogenen Aufgaben befaßt. Am morgigen Tage wollen wir eine Bestandsaufnahme bieten, aber vor allen Dingen neue Akzente und veränderte Rahmenbedingungen vorstellen.

Ein einmalig konzentriertes Kolloquium über städtische und regionale Verkehrsplanung gibt die Vortragsreihe, die Thesen für die Zukunft aufzeigen will.

Abschluß unserer Zukunftsperspektiven bildet das 3. Thema Neue Entwicklungen in der Straßenbautechnik.

Diese kurzen Einführungen sollen Ihnen noch einmal deutlich machen, daß wir den Weg in die 80er Jahre vorzeichnen wollen, wir aber auch erkennbar machen wollen, daß wir die Richtung seit langem vorbestimmt haben und wir unseren eingeschlagenen Kurs ohne große Korrekturen weiterfahren können.

Nach der Vorstellung unserer Redner und der Kongreßthemen habe ich die große Freude und angenehme Pflicht, ausländische Freunde und Kollegen aus 7 Ländern begrüßen zu können. Die Delegationen aus Österreich, den Niederlanden und der Schweiz umfassen dabei jeweils 25 Mitglieder und zeigen so besonders die enge Verbundenheit mit unserer Gesellschaft.

Bevor ich unsere Festredner um das Wort bitte, lassen Sie mich doch noch eine Äußerung zu aktuellen verkehrspolitischen Fragen machen.

Allen Gegnern des Straßenbaus möchte ich noch einmal deutlich vor Augen führen, daß auch ohne das Automobil mindestens 90 % der Straßen zu bauen wären, da sie

1. zur Erschließung der weitverzweigten Wohngebiete oder

2. für andere Verkehrsmittel, wie z. B. die Pferdekutsche oder das Fahrrad

ebenso lebensnotwendig wären.

Die Mitglieder der Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen gehen bei ihrer ehrenamtlichen Arbeit von einer Grundthese aus:
Die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland hat sich unabhängig von ihrer politischen Einstellung für die freie und soziale Marktwirtschaft im Verkehr entschieden. Rund 29 Millionen Kraftfahrzeuge sind der Beweis für diese Feststellung. Der ADAC stellt mit Recht fest, daß es eine vertretbare Alternative zum Auto zur Zeit nicht gibt.

Selbstverständlich sehen auch wir die soziale Komponente des modernen Verkehrs. Wir wissen, daß Jugendliche und Alte ebenso den ÖPNV brauchen, wie viele Berufstätige in den Ballungsgebieten, die nur mit diesen Verkehrsmitteln zu ihren Arbeitsplätzen kommen.

Die Devise lautet:
ÖPNV im Ballungsgebiet auf eigener Schiene,
ÖPNV auf dem flachen Lande auf der Straße.

Nur so kann eine volkswirtschaftlich vernünftige Verkehrspolitik gesehen werden. Auch die Bundesbahn hat klar erkannt, daß ihr Defizit außerhalb der Ballungsgebiete nur durch eine Verlagerung des Personenverkehrs auf die Straße vermindert werden kann.

Die vorhandenen oder prognostizierten Defizite im ÖPNV lassen Ernüchterung aufkommen. Die Euphorie ist verflogen, da auch neue Verkehrssysteme keine Lösung bieten. In vielen Städten feiert die gute alte Straßenbahn Renaissance.

Die kritische Öffentlichkeit sollte erkennen, daß bei der nach dem Kriege geschaffenen Siedlungsstruktur das Straßennetz oft die einzige Lebensader für die im Umland der Städte Wohnenden ist.

Die Ströme während des Urlaubsverkehrs beweisen jedoch auch deutlich, daß für die Masse der Bevölkerung nur die Straße den Weg in die Freizeit öffnet. Die Erfahrung zeigt, daß der Mensch erst zuletzt seine ihm durch die moderne Technik ermöglichte Mobilität aufgibt und eher andere Einschränkungen hinnimmt.

Das Eintreten der Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen für die Straße und damit für das Automobil bedeutet jedoch nicht, daß wir nicht auch Forderungen an die Industrie erheben, energieeinsparendere und umweltfreundlichere Autos herzustellen.

Ich wollte Sie damit auf das Thema unseres Kongresses einstimmen, aber auch gleichzeitig deutlich machen,
daß wir unsere Kritiker ernst nehmen,
daß wir Antworten auf die Fragen einer umweltbewußten Lebensweise geben wollen,
daß wir aber Verteufelungen nicht mehr hinnehmen an der Sache, nämlich dem Straßenbau, den man uns zur Aufgabe gestellt hat,
und den wir verstehen als den Auftrag, ein modernes und sicheres Straßennetz auszubauen und zu erhalten.

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Volltext

Der Begrüßungstext ist als PDF verfügbar.