| Einleitung |
Im 1. Buch Moses, Kapitel 11, sowie in Geschichtsbüchern wird über ein Ereignis berichtet, das sich seinerzeit etwa folgendermaßen zugetragen haben soll: Als die Menschen zu Babylon ihren Gott versuchen und in dieser Absicht aus Ziegelsteinen und dem damals bereits bekannten Bindemittel Kalk einen Turm bauen wollten, der bis in die Wolken reichen sollte, ließ der durch diese Vermessenheit erzürnte Gott neben anderen Strafmaßnahmen auch das begonnene Bauwerk zusammenstürzen. Erst nach mehreren neuen Ansätzen konnte schließlich ein plumpes Gebilde von sehr viel bescheidenerer Höhe zustande gebracht werden. Soweit Moses und die Geschichtsschreibung.
Viele Jahrhunderte später bauten andere Menschen, diesmal jedoch zu Ehren ihres Gottes, wiederum durch Übereinanderpacken von Steinen, aber ohne auf die Mitwirkung von Bindemitteln wesentlich zurückzugreifen, riesige Dome, die die Höhe und Mächtigkeit des Turmes zu Babel weit übertreffen. Diese Bauwerke stehen heute noch; sie gehören mit zu den überzeugendsten Beispielen menschlicher Baukunst.
Das Versagen in einem und das Gelingen im anderen Fall hat nach unserer modernen Auffassung nichts mit den lästerlichen oder löblichen Motiven und den jeweiligen göttlichen Reaktionen darauf, auch nichts mit der Verwendung oder Nichtverwendung von Bindemitteln zu tun, sondern liegt daran, daß der baubesessene Mensch in den zwischen beiden Epochen liegenden Jahrhunderten gelernt hat, das ihm zur Befriedigung seiner Bauwünsche zur Verfügung stehende Baumaterial zu beherrschen und konstruktiv richtiger einzusetzen.
Neben der Kunst, seine Bauweisen auf die Fähigkeiten des Baustoffes hin auszurichten, wie er es beim Bau der Dome durch Gewölbewirkung und andere Kunstgriffe getan hat, hat der Mensch gleichzeitig gelernt, die ursprüngliche Form der Baustoffe durch Bearbeitung oder Zusätze aufzubereiten, das heißt, dem Material Eigenschaften zu geben, aufgrund deren man mit ihm konstruktiv mehr machen kann. Er hat also auch umgekehrt zur erstgenannten Entwicklung Technologien geschaffen, die von den Belangen der Konstruktion bestimmt werden.
Infolge beider gegenseitiger jahrhundertelanger Aufschaukelungsprozesse ist es jetzt möglich, Bauwerke zu errichten, die tatsächlich an die Wolken kratzen und damit den Höhenvorstellungen der seinerzeit zu Babel zusammengeströmten Menschen schon erheblich näher gekommen wären.
Hinsichtlich der konstruktiven Belange im Straßenbau, um nach der ausholenden Einleitung zum Thema zu kommen, konnten in den letzten Jahren sehr wesentliche Erkenntnisse gewonnen werden. Die nötigen Grundlagen für diesen Bereich sind vorhanden; es gilt sie nur zu nutzen. Wie Sie wissen, bemüht man sich seit etwa 30 Jahren darum, Straßenbefestigungen mit rechnerischen Mitteln bemessen zu können. Es sind in dieser Zeit die dazu geeigneten mechanischen Verfahren seitens der mathematischen Perfektion zu einem sehr hohen Stand gebracht worden. Die Glaubwürdigkeit der mit ihnen gewinnbaren Ergebnisse konnte bislang noch nicht überzeugend genug nachgewiesen werden, so daß sich die allgemeine Anwendung der theoretischen Bemessung bis jetzt nicht durchsetzen konnte. Die Bemühungen um sie können jedoch nur Außenstehenden als nutzlos erscheinen. Sie haben uns zwar noch kein funktionierendes Bemessungsverfahren geliefert, da für aber eine Menge an Wissen über das Kräftespiel in einer Straße vermittelt. Diese Erkenntnisse befähigen uns, sehr viel fundierter zu konstruieren, die Zuordnung von Anforderungen und Fähigkeiten beim Material optimaler zu vollziehen. Bekanntlich besteht die Kunst der technisch wirtschaftlichen Optimierung darin, den Baustoff an derjenigen Stelle im Bauwerk einzusetzen, wo er seine Stärken voll ausspielen kann, seine Schwächen dagegen nicht gefordert werden. Dieses ist anhand der durch die Theorie gewonnenen Einblicke jetzt sehr viel besser möglich. |