FGSV-Nr. FGSV 001/9
Ort München
Datum 13.10.1982
Titel Verkehrssysteme und Siedlungsstruktur
Autoren E. Kutter
Kategorien Kongress
Einleitung

Siedlungsstrukturen und die zugehörigen Verkehrssysteme waren in der Vergangenheit gut aufeinander abgestimmt, und in vielen Fällen ist es sicherlich berechtigt, sogar von einem Gleichgewichtszustand zu sprechen. Siedlungen entwickelten sich nur in dem Maße, in dem der Bau neuer oder erweiterter Transportsysteme eine bestimmte Erreichbarkeit sicherstellen konnte. Die Aufstellung von festen Regeln für die Gewährleistung einer solchen Erreichbarkeit war allerdings auch recht einfach, praktisch wurden die Siedlungen nur durch ein Transportsystem erschlossen; folgerichtig sprechen wir von der industriellen Großstadt noch bis in die 30er Jahre dieses Jahrhunderts als der Stadt des Massenverkehrs.

Die bewährten Regeln für das Gegenüber von Siedlungsstruktur und Verkehrssystem verloren erst durch das Entstehen einer echten Verkehrsteilung (infolge der individuellen Motorisierung) ihre Gültigkeit. Mit zunehmender Besiedlung in der Fläche wurde das relative Gleichgewicht zwischen Siedlungsstruktur und Verkehrssystem empfindlich gestört und konnte auch nach den alten Regeln nicht wiederhergestellt werden. Die resultierenden räumlichen und sozialen Disparitäten in der Erreichbarkeit brachten insbesondere den Verkehrsbereich in einen schlechten Ruf. Dabei sind derartige Schuldzuweisungen an die Adresse einer Seite durchaus ungerechtfertigt: Zwar kann Verkehr auf der einen Seite Siedlungsentwicklungen determinieren, aber genauso kann auf der anderen Seite Verkehrsnotwendigkeit eine Folge siedlungsstruktureller Entwicklungen und Fehlplanungen sein.

Im Eifer der Diskussion pro und contra Verkehr sind leider auch äußerst triviale Zusammenhänge über den Komplex Siedlung und Verkehr in Vergessenheit geraten. Man stellt insgesamt ein großes Defizit an fundierter Sachkenntnis über die Wechselwirkungen zwischen Siedlungsstruktur und Verkehrssystemen (in heutiger Ausprägung) fest und ist weit davon entfernt, die nicht mehr gültigen Regeln (z. B. aus der Stadt des Massenverkehrs) durch Regeln für die heutige multi-erschlossene Stadt ersetzen zu können. Vor diesem Hintergrund sind auch die folgenden Thesen zu sehen, die sich – erst am Beginn einer notwendigen interdisziplinären Diskussion – auf einige wesentliche Feststellungen und Anregungen beschränken.

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