FGSV-Nr. FGSV 001/9
Ort München
Datum 13.10.1982
Titel Städtische und regionale Verkehrsplanung – Thesen für die Zukunft (Einführung)
Autoren Hans-Georg Retzko
Kategorien Kongress
Einleitung

Auf der Straßenbautagung 1976 in Mainz – also vor nun mehr sechs Jahren – hatte ich die Randbedingungen, die den Standort der Verkehrsplanung heute bestimmen, skizziert und war dabei zunächst auf die Veränderungen in Bevölkerung, Wirtschaft, Siedlungsstruktur, Wertsystemen und Zielen eingegangen. Daraus konnte ich neue Aufgaben sowie Grundsätze für neue Methoden und Verfahren der Verkehrsplanung herleiten.

In den folgenden Jahren habe ich mich wiederholt auf Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen mit Behauptungen, Forderungen, Vorwürfen und Vorschlägen von Fachleuten anderer Disziplinen zur Verkehrsplanung auseinandergesetzt. Als Resümee mußte ich immer trivial feststellen, daß weder alles falsch noch alles richtig war, was auf dem Gebiet der Verkehrsplanung in der Vergangenheit geschehen ist, und daß nicht alles, was alt ist, falsch ist, und nicht alles, was neu ist, richtig. Grundsätzlich gilt, was ein bekannter österreichischer Politiker*) einmal gesagt hat:

Nachträgliche Kritik ist immer leicht. Weil später immer klar wird, was man hätte besser machen können, wenn ... Aber die Wennsätze der Vergangenheit sind meistens irreal und daher praktisch wertlos. Man darf nicht die Voraussetzungen der Gegenwart in die Vergangenheit zu rückspiegeln, in der sie nicht existierten. Und man darf nicht die Voraussetzungen von damals so sehen, wie man sie heute sehen will, um das nachträglich gewünschte, kritische Urteil zu beweisen.

*) Kurt von Schuschnigg, Zitat in DIE WELT, 20. 7. 82.

Diese Bemerkungen wollte ich kurz diesen Vorträgen und Diskussionen vorausschicken, um dem schwierigen Unterfangen, einen Blick in die Zukunft zu tun, also zu fragen, wohin die Reise denn nun eigentlich geht, eine Ausgangsbasis zu geben.

In der Tat ist das, was hier vorgesehen ist, ein schwieriges Unterfangen.

– Erstens war es in organisatorischer Hinsicht schwierig, alle reputierlichen Kollegen der anderen Universitäten an einem Tag und an einem Ort zusammenzurufen. (Wenn der eine oder andere fehlt, so liegt das nicht an mangelnder Bereitschaft, sondern an der Terminnot. Hierauf möchte ich ausdrücklich und nachdrücklich hinweisen.)

– Zweitens ist das Unterfangen sachlich-inhaltlich schwierig, weil wir in die Zukunft schauen wollen.

J. C. WELBERGEN sagte auf dem Deutschen Straßenkongreß 1978 in Hamburg: Das einzige was man von der Zukunft sicher weiß, ist, daß sie unsicher ist.

Wir haben es dennoch gewagt, und ich hoffe sehr, daß die Teilnehmer an dieser Veranstaltung nicht enttäuscht werden ...

Im Gegensatz zu den weitverbreiteten Verkündigungen von vermeintlichen Patentrezepten zu den mannigfachen Problemen der städtischen und regionalen Verkehrsplanung basieren die aus ingenieurmäßiger Sicht vorgetragenen Thesen auf soliden Kenntnissen und Erfahrungen. Sie sind daher auch gar nicht spektakulär; Schlagzeilen werden sie kaum liefern ... Im einzelnen reichen die Thesen von theoretisch-wissenschaftlichen Grundsätzen bis zu praxisorientierten Detailempfehlungen.

Vortragende sind – wie dem Programm zu entnehmen ist – 11 Professoren des Straßen- und Verkehrswesens deutscher Universitäten, alle von Haus aus Bauingenieure. Wir sind – bei aller Unterschiedlichkeit unserer speziellen Arbeitsgebiete, Fähigkeiten und Interessen – letztendlich doch eine monodisziplinäre homogene Gruppe. Das kann – ist vielleicht schon, wird vielleicht noch – kritisiert werden. Natürlich könnten hier Vertreter anderer Disziplinen, vor allem auch nicht-technischer Disziplinen, mitwirken. Selbstverständlich könnte mancher Praktiker unserer eigenen Disziplin, also des Straßen- und Verkehrswesens, auf Grund seiner Kenntnisse und Erfahrungen sehr kompetent – vielleicht kompetenter – Thesen vortragen. Wenn sich die Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen dennoch entschlossen hat, auf diesem Kongreß nun einmal sämtliche Fachprofessoren zu Wort kommen zu lassen, so ist das zumindest genauso legitim wie die Auswahl von Vortragenden nach einem anderen Auswahlkriterium. Ferner meinten wir, daß die an der Spitze der Forschung stehenden Fachkollegen – und Forschung weist prinzipiell in die Zukunft – einmal gezwungen werden sollten, in der heutigen bunten Meinungsvielfalt öffentlich Farbe zu bekennen, und das kann doch sicherlich zumindest interessant und reizvoll sein. Schließlich und nicht zuletzt sollte mit dieser Vortrags- und Diskussionsveranstaltung an eine Veranstaltung ähnlicher Art in Aachen angeknüpft werden**).

**) Symposium Verkehrsplanung. RWTH Aachen, Oktober 1979.

Also überlassen Sie bitte uns Professoren des Straßen- und Verkehrswesens heute Vormittag einmal das Podium (eine Programmänderung ist ohnehin nicht mehr möglich ... ). Heute Nachmittag sollten dann – und das ist der ausdrückliche Wunsch der Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen – bevorzugt unsere Fachkollegen aus der Praxis und insbesondere Fachleute anderer Disziplinen zu Wort kommen.

Ich hoffe sehr, daß sich auch viele unserer namhaften Kontrahenten in unsere Höhle gewagt haben, um die vielerorts geführten Streitgespräche hier und heute fortzusetzen. Erst dann und wenn wir uns nicht wieder einmal nur fachintern auf die Schultern klopfen müssen, wird der heutige Tag für alle ergiebig sein.

PDF
Volltext

Der Text der Einführung ist als PDF verfügbar.