| Einleitung |
Im Rahmen des hier vorgestellten Forschungsprojektes wurden eine Reihe von Messungen der Verkehrsstärken, der Reisegeschwindigkeiten und der lokalen Geschwindigkeiten auf zweistreifigen Landstraßen in der Bundesrepublik Deutschland vorgenommen. Zusätzlich kam ein Simulationsmodell zur Anwendung, um die Zusammenhänge zwischen der Reisegeschwindigkeit der Pkw und den Verkehrsstärken auf Landstraßen auch für ungewöhnliche Trassierungsverhältnisse vorherzusagen. Auf Basis dieser Ergebnisse ist eine Serie von neuen q-v-Diagrammen für zweistreifige Landstraßen hergeleitet worden. Diese neuen Diagramme sind gegenüber denen in der RAS-Q 96 als realistischer anzusehen. Die neuen Diagramme haben jedoch auch überraschende Eigenschaften. Dazu gehört der konkave Verlauf dieser Kurven und der sehr differenzierte Einfluß des Schwerverkehrs auf die Qualität des Verkehrs bei verschiedenen Trassierungsverhältnissen. Aus den Untersuchungen konnte auch die Kapazität im Sinne der maximalen Verkehrsstärke hergeleitet werden. Dabei erwies sich die Kapazität von Straßen im bewegten Gelände – im Vergleich zu den bisherigen Richtlinien – als niedriger. Es wird angestrebt, die neuen q-v-Diagramme in zukünftige Richtlinienwerke aufzunehmen. Es spricht nichts dagegen, diese Diagramme bereits heute in der Praxis einzusetzen.
In allen Ländern der Welt besteht das Netz der Außerortsstraßen zum größeren Teil aus zweistreifigen Straßen. Betrachtet man das deutsche Außerortsstraßennetz nur nach seiner Länge, so entfallen mehr als 90 % auf diesen Straßentyp. Bei der Neuplanung von Straßen spielt u. a. die angestrebte Verkehrsqualität eine wesentliche Rolle. Die Regeln für den Nachweis der Verkehrsqualität ergeben sich bisher aus den RAS-Q in ihrer aktuellen Fassung aus dem Jahr 1996. Darin sind typische Diagramme für den Zusammenhang zwischen Geschwindigkeit und Verkehrsstärke dargestellt. Als entscheidendes Kriterium für die Verkehrsqualität ist dabei die Reisegeschwindigkeit der Pkw festgelegt. Es handelt sich dabei um eine Reisegeschwindigkeit im Sinne der RAS-N (1988), d. h. diese Geschwindigkeit soll von den Pkw über längere Straßenabschnitte als Durchschnittsgeschwindigkeit eingehalten werden können. Selbstverständlich hängt das Niveau dieser Geschwindigkeiten von der vorhandenen Verkehrsstärke ab. Ob eine zweistreifige Straße für eine gegebene Verkehrsaufgabe ausreicht, wird daher mit Hilfe von Verkehrsstärke-Geschwindigkeits-Diagrammen ermittelt. Die bisher in den RAS-Q verwendeten Verkehrsstärke-Geschwindigkeits-Diagramme (q-v-Diagramme) beruhen auf Herleitungen, die über 20 Jahre zurückreichen. Bei diesen Kurven sind in früheren Zeiten – z. B. auch in den Diagrammen der RAS-Q 1982 – die Geschwindigkeiten bei höheren Belastungen gegenüber den tatsächlichen Werten abgemindert worden. Dadurch sollten im Bemessungsverfahren die Aspekte der Verkehrssicherheit und des bei hoher Belastung geringeren Fahrkomforts berücksichtigt werden. In der Zwischenzeit ist durch verschiedene Untersuchungen, z. B. von Keller, Sachse (1992), festgestellt worden, daß auf baulich einwandfreien Landstraßen höhere Verkehrsstärken abgewickelt und höhere Reisegeschwindigkeiten eingehalten werden können, als es in den RAS-Q 1982 dargestellt war. Insofern bestand bei der Anwendung der Diagramme die Gefahr, daß das volle Leistungsvermögen von zweistreifigen Überlandstraßen nicht ausgenutzt wird. Dies ist angesichts von Forderungen nach umweltschonender Bauweise und angesichts der Mittelknappheit öffentlicher Haushalte nicht zu rechtfertigen. Daher wurden die alten Kurven bei der Fortschreibung zu den RAS-Q 1996 – gestützt durch Ergebnisse einzelner Untersuchungen (s. o.) – pauschal um 25 % in Richtung höherer Verkehrsstärken gestreckt. Dabei handelt es sich natürlich um eine sehr pragmatische Vorgehensweise, die einer Absicherung durch aktuelle empirische Untersuchungen bedarf. Deshalb hat das Bundesverkehrsministerium ein Forschungsprojekt vergeben (Brilon, Weiser, 1997), mit dem realistische q-v-Diagramme für alle Typen von zweistreifigen Außerortsstraßen hergeleitet werden sollten. Dabei war zu berücksichtigen, daß die Beziehungen zwischen den Größen q und v auf zweistreifigen Landstraßen von den Steigungsverhältnissen, der Kurvigkeit der Straße sowie vom Anteil des Schwerverkehrs abhängen. |