Herzlich willkommen in Würzburg zum Deutschen Straßenkongreß 1986. Würzburg ist die Stadt Balthasar Neumanns. Er war der Festungsbaumeister, der Schöpfer unserer Residenz, aber auch einer der bedeutenden Straßenbaumeister des 18. Jahrhunderts. Wir haben in unserer Stadt heute noch Brunnen und Kanäle, die auf Balthasar Neumann zurückgehen.
Wiederaufbau – Würzburgs eigener Weg
Wenn Sie 1986 nach Würzburg kommen, ist das über 40 Jahre nach der fast völligen Zerstörung dieser Stadt. Würzburg wurde 1945 durch einen Luftangriff zu 85 Prozent zerstört. Die Stadt wurde dann in ihrer alten Form und am selben Ort – auch nach dem Willen der damaligen amerikanischen Besatzungsmächte – wieder aufgebaut. Einer der Gründe war u. a. die Infrastruktur: die Straßen, die Kanäle und all das, was an Wert und an Möglichkeiten innerhalb der Erde lag und liegt. Das gab den Anlaß, diesen interessanten Wiederaufbau durchzuführen.
Wir haben Würzburg im wesentlichen ohne große Baupläne wieder aufgebaut. Eine sehr wohlwollende Regierung von Unterfranken und wohlwollende Ministerien haben über Jahrzehnte dabei mitgeholfen. Ohne ihr Wohlwollen hätten wir manches nicht entwickeln können, das wir ganz bewußt auf der historischen Basis dieser Stadt, aber durchaus auch zukunftsgerichtet, versucht haben.
In unseren Straßenbauten haben wir uns nicht an die damals richtungweisenden Hannoveraner, Braunschweiger oder Kasselaner Beispiele angelehnt. Wir haben versucht, einen eigenen Weg zu gehen. Darin sind wir heute in vielem durchaus bestätigt, wenn wir auch manche Probleme haben, die andere schon hinter sich gebracht haben:
– Wir sind dabei, eine moderne Fußgängerzone weiterzuentwickeln, die all das, was andere an Erfahrung haben, berücksichtigt.
– Wir schließen in diesen Jahren den Mittleren Ring.
– Wir sind in diesen Monaten dabei, auch einige große Zukunftsprojekte, die mit Zuschüssen von Bund und Land ermöglicht worden sind, auf den Weg zu bringen.
Ich möchte mich bei Bund und Land ausdrücklich bedanken für eine großzügige Förderung über Jahre und Jahrzehnte, insbesondere auch bei den Straßenbaumaßnahmen. Das Geld ist im wesentlichen immer sehr konsequent gekommen. Wir haben da keine schwerwiegenden Probleme gehabt.
Wenn etwas offen ist, dann meiner Meinung nach folgende Tatsache: Durch die in den Folgen des Zweiten Weltkrieges begründete Nord-Süd-Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland wird die zweispurige Autobahn zumindest von Würzburg nach Nürnberg langfristig wohl nicht den Erfordernissen genügen, die auf uns zukommen, wenn auch die neuen Autobahnen in Richtung Heilbronn und Ulm manche Entlastung bieten.
Würzburg spricht für sich selbst
Würzburg spricht für sich selbst Meine sehr verehrten Damen und Herren, Herr Prof. Knoll hat gebeten, daß ich etwas über die Stadt Würzburg sage. Wir sind da so selbstbewußt in Würzburg, daß wir meinen, dies kann die Stadt selber. Sie spricht für sich selbst. Gehen Sie durch die Stadt. Ihre Schönheit und Überschaubarkeit, ihr Reichtum an Geschichte und Kultur werden Sie beeindrucken.
Gehen Sie auch kritisch durch die Stadt. Sie werden manches finden, zu dem Sie sagen können: na ja, das ist ein bißchen altväterlich fränkisch und möglicherweise nicht unbedingt neuester Stand der Technik. Das gilt nicht zuletzt für das Unterhaltungsangebot der Stadt.
Vieles ist aber auch beispielhaft. Vor wenigen Monaten erst haben wir im Rathaus unseren Sitzungssaal gebaut, nach der Motto, daß man im Rathaus an sich selbst zuletzt denkt. Wenn er einmal fertiggestellt ist, wird er sich weithin sehen lassen können.
Bedeutung des Verkehrsausbaus für die Kommunen
Erlauben Sie mir aus der Perspektive der Kommunalpolitik noch einige kurze Bemerkungen zu Ihrem Tagungsthema:
Ich bin der Meinung, daß wir in den Kommunen – gegen alle Unkenrufe - auch in Zukunft den Straßenbau brauchen. Das ist so in einer Gesellschaft, in der man Auto fährt. Viele Väter wissen, daß sie ihrem Sohn oder ihrer Tochter zum 18. Geburtstag irgendetwas, was sich mit einem Motor bewegt, zur Verfügung stellen müssen, wollen sie als Vater noch „in" sein. Dieser Gesichtspunkt ist natürlich sehr vordergründig. Nicht zuletzt deshalb ähneln die Erörterungen zum Straßenbau in vielem der Diskussion über die Elektrizität. Diese kommt „aus der Steckdose“. Woher sie im Einzelfall kommt und wie sie produziert wird, darüber kann man unterschiedlich streiten, solange sie nur reichlich fließt.
Die Notwendigkeit neuer Lösungen in den Verkehrssystemen nimmt weiter zu, das ist ja ein Schwerpunkt Ihrer Tagung. Vor allem die Verbindung von Individualverkehr und öffentlichem Personennahverkehr erfordert große Anstrengungen, u. a. auch bei der Ampelsteuerung.
Schwerpunkt Straßenbahn
In Würzburg haben wir im Moment einen absoluten Schwerpunkt. Wir wollen – gefördert von Bund und Land – den Ausbau der Straßenbahn innerhalb weniger Jahre nachholen. Die Größenordnung von 100 Millionen DM ist für eine Stadt wie Würzburg viel Geld. Wir setzen ganz bewußt auf die Straßenbahn, mit sogenannten Rasengleisen, die sowohl die freie Landschaft in die Stadt hereinziehen als auch lärmdämpfende Wirkung haben. Zusätzlich unternehmen wir interessante Versuche mit anderen Maßnahmen zur Lärmdämmung.
Was wir dabei mit Unterstützung von Land und Bund bisher schon erreicht haben, ist richtungweisend in der Innenstadt, insbesondere in unseren Fußgängerzonen. Die Straßenbahn ist attraktiv und keine Belästigung mehr wie in der Vergangenheit. Das erkennt jeder Bürger. Wenn dann für Umbau- und Verbesserungsmaßnahmen die Straßen aufgerissen werden, kann man dies auch als Bürgermeister begründen und verständlich machen.
Schwerpunkt Tiefbau
Der Tiefbau wird in den nächsten fünf Jahren ein zentraler Schwerpunkt in einer großen Mittelstadt von rund 130 000 Einwohnern wie Würzburg sein. Nicht nur, weil wir angefangene Projekte zu Ende führen müssen, sondern weil sich das als zentraler Schwerpunkt der Zukunft für alle Gemeinden ergeben wird. Die Kanalisation hat – natürlich – bei den gewaltigen Bauentwicklungen der vergangenen Jahre in ihrer Dimensionierung nicht Schritt gehalten mit den großen Entwicklungen von Baugebieten und Wohngebieten. Hier muß einiges neu durchdacht und überarbeitet werden.
Hand in Hand damit kommen neue Überlegungen des Umweltschutzes, wie Regenwasserreinigung und entsprechende umweltschützerische Maßnahmen. Das erfordert bei allen Beteiligten noch manchen Lernprozeß. Allerdings müssen diese zweifellos wichtigen Aufgaben natürlich in die finanziellen Dimensionen unserer mittelfristigen Finanzplanung hineinpassen.
Schwerpunkt Verkehrsberuhigung
Die Verkehrsberuhigung der Innenstadt ist ein weiterer Schwerpunkt, zumal inzwischen viel mehr Menschen verstärkt in die Innenstadt ziehen, vor allem junge Leute. Für eine Kommune ergeben sich daraus beträchtliche Aufwendungen.
Ferner ist in Würzburg ein System von Straßentangenten in Arbeit, das zusätzliche Verbindungen ermöglicht, aber neue Brücken erfordert. Das macht in den nächsten Jahren beträchtliche Aufwendungen notwendig.
Eine Bemerkung noch zum Fahren auf Straßen und zu Straßen, wie sie heute gebaut werden sollten. Vereinfacht gesagt, sie sollten so gebaut werden, daß sie zu einem ruhigen Fahren verleiten.
Ich habe schon von der Straßenbahn, den Radwegen und der Lärmdämmung gesprochen. Ganz wichtig ist mir, daß es überhaupt nicht ausreicht, Gefahrenstellen wie Schulen oder Überwege allein mit Schildern zu sichern. Die müssen durch bauliche Situationen deutlich gemacht werden. Ich habe es fachlich nie verstanden und als Kommunalpolitiker kann ich das auch in den Bürgerversammlungen, ich sage das ganz offen, meinen Mitbürgern nicht erklären, warum es in Europa überall möglich ist, Verkehrsberuhigung mit ganz einfachen baulichen Mitteln herzustellen. In Spanien oder Italien wird das mit großen Nägeln auf der Straße erreicht. Da merkt eben jeder: Wenn er über diese großen Nägel kommt, muß er seine Geschwindigkeit vermindern. Also: Gewisse Hindernisse durch Einbauten in die Straßen sind ohne Gefährdung des Kraftfahrers durchaus möglich.
Bei uns wird sofort der Staatsanwalt bemüht. Als wir in Würzburg so etwas ausprobiert hatten oder ausprobieren wollten, wurde mir bedeutet, auch von höchster Stelle, daß die Gefahr der Sachbeschädigung bzw. Körperverletzung damit verbunden sei. Das halte ich für eine typisch deutsche Regelung. Es ist einfach unbegreiflich, warum diese Dinge möglich sind in den südlichen Ländern, wo ja mindestens mit so viel Emphase und Temperament gefahren wird wie in Deutschland. Warum ist es dann aber gerade in Deutschland so ungeheuer schwierig, einfache, preisewerte und vertretbare Verkehrsbeschränkungen dieser Art, wie ich sie hier angedeutet habe, zumindest für eine Geschwindigweitsbegrenzung zu veranlassen? Jedenfalls scheinen mir solche Lösungen viel praktischer als die fürchterlichen Schilder, die wir hier überall aufstellen. Letztlich haben wir dann keine Polizeibeamten oder Politessen, um die Einhaltung zu kontrollieren. Im Ergebnis tragen wir so nur zur allgemeinen Frustrierung und Staatsverdrossenheit bei.
Renovierungen
Neben dem Neubau – das muß ein Oberbürgermeister einmal kurz in diesem Kreise von Fachleuten ansprechen – beschäftigen uns im Moment noch ganz andere Sorgen und Probleme, auch hier in Würzburg: all das, was an Modernisierung, Renovierung und Sanierung, insbesondere an Brückenbauten und Straßenbauten erforderlich ist, sowie die Frage, wie das finanziert werden soll. In diesem Kreise sage ich damit sicher nichts Neues. Aber für die praktische Arbeit in der Kommunalpolitik ist diese Frage existenziell.
Ein ganz praktisches Beispiel: unser Brückenbauwerk Johann-Sperl-Straße hat seinerzeit im Bau vor 15 Jahren etwa 1,5 Millionen DM gekostet. Es muß nun renoviert, saniert, in Ordnung gebracht werden, weil halt der Beton nicht in Ordnung ist. Dies kostet jetzt 3,7 Millionen DM. Da stellt sich sofort die Frage: Renovierung oder Neubau? Wenn wir neu gebaut hätten, das ist natürlich alles bei uns berechnet worden, hätten wir vielleicht Zuschüsse bekommen, zu welchem Zeitpunkt auch immer. In diesem Falle haben wir also saniert, ohne echte finanzielle Hilfe. Das ist in unserem Bereich nur die Spitze des Eisbergs.
Wir haben hier in Würzburg selbst – und wenn ich über meinen eigenen Zuständigkeitsbereich hinausdenke, etwa an die großen Aschaffenburger Brücken oder an die große Brücke zwischen Winterhausen und Sommerhausen, oder an die nächsten Autobahnbrücken – eine Reihe großer Brücken, die renoviert und in Ordnung gebracht werden müssen. Wir haben in unserem Bereich Kosten zu erwarten, die in ihrer Größenordnung überhaupt nur vergleichbar sind mit den Altlasten aus den Abfalldeponien der Kommunen in Nordrhein-Westfalen oder in anderen Industrieregionen.
Ich muß also dringendst bitten, daß Sie als Fachleute die Problematik überall in Ihrem Verantwortungsbereich deutlich machen. Die Frage, wie wir diese Sanierungen finanzieren und durchsetzen sollen, ist in vielen Bereichen wichtiger als Neubau. Es ist tatsächlich so dramatisch, wie ich es hier gesagt habe. Ich gehe davon aus, daß ich Ihnen da nichts Neues berichte, das wird in Ihren Bereichen wahrscheinlich ähnlich sein
Die Kommunen können die Last der Sanierung, bestehender Brücken insbesondere, nicht allein tragen. Hier müssen die Zuschußrichtlinien geändert werden. Wir haben im Hochbau gewisse Änderungen gehabt. Dort ist die Situation teilweise besser. Unsere Hauptschwierigkeiten liegen im Bereich der Renovierung.
Wegweisung an Bundesstraßen
Gestatten Sie mir eine letzte Bemerkung. Bei den Bundesstraßen (nicht bei Bundesautobahnen) ist meiner Meinung nach eine Änderung der Wegweisung notwendig. Die heute auf Wegweisern der Bundesstraßen angegebenen Fernziele sind meist besser über Autobahnen als über Bundesstraßen zu erreichen. Niemand fährt mehr über die B 8 nach Nürnberg oder über die B 19 nach Ulm. Für die Bundesstraßen müssen in Zukunft die nähergelegenen Ziele angegeben werden. Ein Beispiel hier in unserem Bereich wäre die B 19 Richtung Schwäbisch Hall. Soweit einige Anmerkungen zu den Themen Ihrer Fachtagung, die auch uns Würzburgern schwer am Herzen liegen.
Schlußbemerkung
Ich wünsche Ihnen zu ihrem Straßenkongreß in Würzburg erfolgreiche Beratungen. Darüber hinaus mögen Sie das Ambiente und die Atmosphäre Würzburgs ein wenig genießen. Das Besondere dieser Stadt ist neben ihren Bauwerken, der Universität, der Lage am Fluß, natürlich unser Wein, der auch im Jahre 1986 wieder ganz exzellent werden wird. Sie sind hier in einer Stadt, die die drei größten Weingüter von den fünf großen der Bundesrepublik Deutschland hat: Die Staatliche Hofkellerei, das Juliusspital sowie das Bürgerspital, das der Stadt untersteht. Dabei ergibt sich eine besonders angenehme Tatsache. Wenn wir in unserem Bürgerspital unseren Wein in Bocksbeuteln vermarkten, so können wir von dem Ertrag dieses Weines Altenheime, Pflegeheime und soziale Einrichtungen bauen und unterhalten. Sie haben also überhaupt keinen Grund, sich zurückzuhalten im Weingenuß. Sie begehen eine besonders gute Tat und haben auch noch Spaß dabei, wenn Sie eine Flasche Wein im Bürgerspital kaufen und trinken.
In diesem Sinne viel Vergnügen und gute Erinnerungen an diese Stadt. |