FGSV-Nr. FGSV 001/8
Ort Berlin
Datum 29.10.1980
Titel Stand, Aussichten und Probleme der Wiederverwendung von Abfallstoffen und Nebenprodukten im Straßenbau
Autoren F. Gragger
Kategorien Kongress
Einleitung

Der von der ersten Ölkrise 1973 bewirkte Schock lieferte den Impuls für zahlreiche Projekte, deren Ziel die Einsparung von Energie, die Entwicklung alternativer Energieformen und – nachdem die Endlichkeit aller natürlichen Ressourcen in das allgemeine Bewußtsein gedrungen war – die Wiederverwendung von Abfallstoffen und industriellen Nebenprodukten zum Ziel hatte.

Bei allen diesen Überlegungen spielte die Bauwirtschaft von Anfang an schon im Hinblick auf die von ihr laufend verarbeiteten großen Materialmengen eine wesentliche Rolle, auch deswegen, weil sich in der Bauwirtschaft an vielen Orten erste Mangelerscheinungen zeigten bzw. abzusehen ist, wann verschiedene Rohstoffvorkommen, vorzugsweise natürlich Gesteine, erschöpft sein werden. Andererseits sind Neuaufschlüsse angesichts der Widerstände in der Bevölkerung nur mehr ausnahmsweise realisierbar.

So könnte zur Lösung von Abfallproblemen wie zur Schonung der noch vorhandenen natürlichen Rohstoffvorkommen ein wesentlicher Beitrag geleistet werden, wenn es gelänge, Stoffe, die heute als Abfallprodukte anzusehen sind, deren Beseitigung mit erheblichen Schwierigkeiten und Kosten verbunden sein kann, dadurch einer sinnvollen Nutzung zuzuführen, daß sie herkömmliche Baustoffe ganz oder teilweise ersetzen.

Es gibt in der Geschichte der Technik eindrucksvolle Beispiele über die nutzbringende Verwendung ursprünglich lästiger Abfallprodukte: so waren im vergangenen Jahrhundert die neu errichteten Gaswerke zunächst von ganzen Seen von dem bei der Leuchtgasherstellung anfallenden Rohteer umgeben, für den es keine Verwendung gab. In unserem Jahrhundert war Teer lange Zeit das wichtigste Bindemittel im bituminösen Straßenbau – im Volksmund wird heute noch häufig das Wort Teer synonym für Bitumen verwendet – während heute angesichts der Gewinnung chemischer Wertstoffe eine solche Verwendung fast als Verschwendung gelten würde.

Fragen wir heute, sieben Jahre später, nach dem Ergebnis der damals auf den Weg gebrachten Initiativen, so erhalten wir die eher enttäuschende Antwort, daß nach einer kurzen Periode der Stagnation der Verbrauch an Energie und Rohstoffen ebenso wie der Anfall an Abfallstoffen erneut ständig angestiegen ist, während die Wiederverwendung von Abfallstoffen sowohl insgesamt als auch speziell in der Bauwirtschaft nur mühsam vorankommt. Wie kommt das? War Recycling nur ein kurzlebiges Modewort?

Betrachten wir die Entwicklung näher, so können wir zwei Phasen unterscheiden: in der ersten Phase konzentriert sich das Interesse auf die technischen Probleme der Machbarkeit, während die zweite Phase von den Bemühungen zur Realisierung und Umsetzung in die Praxis gekennzeichnet ist. Selbstverständlich ist die Grenze zwischen diesen Phasen fließend und liegt für verschiedene Stoffe bei unterschiedlichen Zeitpunkten.

Die Durchsicht der Literatur, die über mögliche und realisierte Anwendungen von Abfallstoffen berichtet, bietet infolge ihrer bunten Vielfalt ein höchst eindrucksvolles Kaleidoskop menschlichen Erfindergeistes. Hier finden sich neben einleuchtenden Vorschlägen überraschende Lösungen ebenso wie zunächst bizarr anmutende Absonderlichkeiten. So lesen wir hier von Dämmen für Verkehrsbauwerke, die aus Wechsellagen von unsortiertem Haushaltsmüll und Sand-Kies-Schichten hergestellt wurden, weil die Trasse zwangsläufig über das Gelände einer Mülldeponie geführt werden mußte, deren vollständiger Austausch gegen herkömmliches Dammschüttmaterial kostenmäßig nicht vertretbar erschien (Kalifornien), wir hören von Dämmen aus Sägespänen und Tannenzapfen, mit deren Hilfe bei der Durchquerung eines Rutschgebietes die Auflast der Gleitfläche um 71 % verringert wurde (Washington), wie erfahren aus Texas von der Herstellung von Zuschlagstoffen aus Straßenschmutz in Verbindung mit anderen Abfallstoffen.

Als Ergebnis dieser eingehenden Untersuchungen der technischen Möglichkeiten sind sowohl in den USA als auch seitens der OECD synoptische Veröffentlichungen erschienen, in denen diejenigen Stoffe aufgeführt sind, denen ein Potential für die Verwendung in der Bauwirtschaft zuerkannt wird. Für die Bundesrepublik Deutschland wurde eine derartige Studie im Rahmen eines Forschungsauftrages des Bundesministers für Verkehr von ihrem Referenten erarbeitet.

Dabei, sowie bei der jüngst erfolgten Fortschreibung dieser Studie auf den neuesten Stand, wurde die Gesamtheit der Abfallstoffe in vier Gruppen unterteilt, nämlich:
a) Hausmüll und hausmüllartige Gewerbeabfälle einschließlich Altreifen
b) nichtmineralische industrielle Produktionsabfälle
c) mineralische industrielle Produktionsabfälle und neuerdings
d) Wiederverwendung von Baustoffen und Bauteilen.

Bei der Bewertung des Potentials wurde eine Betrachtung unter technischen, wirtschaftlichen und ökologischen Gesichtspunkten und eine Einordnung in Prioritätsklassen vorgenommen. Für die in die Prioritätsklassen I und II eingeordneten Stoffe wurden weiterführende Untersuchungen angeregt. Bei den hausmüllartigen Abfällen einschließlich Altreifen sowie den nichtmineralischen Industrieabfällen konnten lediglich fünf Abfallstoffe in die Prioritätenklasse I und nur einer in die Prioritätenklasse II eingestuft werden. Im Zuge der Fortschreibung wurde ein weiterer Abfallstoff in Klasse I eingereiht und der in Klasse II eingereihte Stoff gestrichen. Die ursprünglich hochgespannten Erwartungen an die Bauwirtschaft als die Müllkippe der Nation konnte also nicht im erhofften Umfang erfüllt werden. Im einzelnen handelt es sich bei den Stoffen mit Anwendungspotential um:

  • Altreifen
  • Kunststoffe aus Produktionsabfällen
  • Rückstände der Aluminiumerzeugung
  • Sägespäne
  • Altöl
  • Abfallglas und Schwefel.

Diese Stoffe seien im folgenden kurz besprochen.

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Der Fachvortrag zur Veranstaltung ist als PDF verfügbar.