| Einleitung |
Es ist mir eine besondere Freude, die Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen und den Deutschen Straßenkongreß 1984 hier in Mannheim willkommen heißen zu dürfen. Mein besonderer Gruß gilt den Gästen aus dem Ausland, die den Weg nach Mannheim gefunden haben, aber mein nicht minder herzlicher Gruß gilt allen Gästen auch aus dem Inland. Herr Vorsitzender, es tut gut, wenn der Präsident einer so bedeutenden Gesellschaft zu Beginn der offiziellen Veranstaltung so lobende Worte über die gastgebende Stadt spricht. Und es ist leicht, das Kompliment zurückzugeben: Wir haben uns gefreut darüber, daß Sie diesen Kongreß in diese Stadt gelegt haben, daß Sie damit die Bedeutung dieser Stadt mit unterstreichen, und ich hoffe, daß die lobenden Worte, die Sie über diese Stadt gesprochen haben, auch künftig für Sie Anregung sein könnten, weitere Veranstaltungen in dieser Stadt durchzuführen.
Meine Damen und Herren, dieser Kongreß findet statt im Kongreßzentrum Rosengarten der Stadt Mannheim, eingebettet in die Jugendstilanlage rund um den Wasserturm. Und zwar handelt es sich dabei um Hochbau und nicht um Tiefbau, aber ich bin sicher, Ingenieure haben den Blick sowohl für den Tiefbau als auch für den Hochbau und Sie haben mit Sicherheit festgestellt, daß es die größte noch geschlossene Jugendstilanlage ist, die es überhaupt in Deutschland gibt.
Daß wir zur Zeit dabei eine große Baustelle eingerichtet haben, hängt nicht ursächlich mit dem Kongreß zusammen, wir wollten keine Straße quer über die Friedrichsplatz-Anlage hinweg bauen, sondern sind schlichtweg dabei, die Wasserfontänen dort zu reparieren.
Ich habe das Stichwort „Jugendstilanlage“ deshalb benutzt, weil des Gelegenheit bieten könnte, in der Geschichte noch weiter zurückzugehen und Ihnen die gastgebende Stadt vorzustellen. Ich will dies nicht tun, möchte aber dennoch drei Stichworte geben, die Zeugen der Vergangenheit dieser Stadt sind, der Stadt, die im 18. Jahrhundert eine erste große Blüte als Residenz der Kurpfalz erlebte. Aus dieser Zeit finden Sie das nach der Zerstörung im Kriege neu aufgebaute Mannheimer Schloß – das größte Barockschloß Europas, manche sagen das zweitgrößte – die Pfälzer Bescheidenheit nimmt auch gern den zweiten Rang ein. Aus dieser Zeit der ersten großen Blüte dieser Stadt stammt das Nationaltheater, die älteste kommunale Bühne, auf der einst Schiller seine „Räuber“ uraufgeführt hat, weil er, Herr Staatssekretär, aus dem damals nicht ganz so liberalen Stuttgart nach Mannheim vorher flüchten mußte. Aber dies, meine Damen und Herren, ist Geschichte; mittlerweile ist das alles ganz anders geworden.
Aus dieser Zeit der ersten großen Blüte dieser Stadt stammt – und damit spreche ich all diejenigen an, die sich mit Musik beschäftigen – die Mannheimer Schule, eine Musikrichtung, die nicht nur im 18. Jahrhundert prägend war, sondern bis heute eine große Bedeutung behalten hat, ich nenne stellvertretend für viele Namen denjenigen, der sie mitbegründet hat, nämlich Stamitz, der als einer der bedeutenden Musiker des 18. Jahrhunderts gilt.
Seit der Gründung dieser Stadt ist ihre verkehrsgeographische Lage von besonderer Bedeutung. Die Entwicklung Mannheims zu einer Stadt der Industrie, des Handwerks und des Handels, aber auch einer Stadt der Wissenschaften und der Künste, verdankte sie insbesondere ihrer Standortgunst. Die großen Verkehrsströme Deutschlands ziehen unmittelbar an den Grenzen dieser Stadt vorbei. Dazu zählen beispielsweise der Rhein und der Neckar als bedeutendste Wasserstraßen Deutschlands heute der Bundesrepublik. Der Rhein war ursächlich für die Entwicklung dieser Stadt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die revidierte Mannheimer Rheinschifffahrtsakte, die die Liberalisierung des Schiffsverkehrs auf dem Rhein brachte – übrigens aus dem Jahre 1868 und ein noch heute gültiges europäisches Dokument – gab dieser Stadt die Chance, sich zu entwickeln. Mannheim hat heute den drittgrößten Binnenhafen der Bundesrepublik, der ein bedeutender Wirtschaftsfaktor in dieser Stadt ist. Und ich denke, auch das darf man bei einer solchen Gelegenheit sagen, die Wirtschaft prägt diese Stadt, und der Hafen ist ein wichtiger Teil davon mit immerhin 20 000 Arbeitsplätzen im Hafengebiet der Stadt Mannheim. Ein weiterer wichtiger Grund für die Standortgunst dieser Stadt ist die Tatsache, daß sie an den Schnittpunkten der großen Eisenbahnlinien liegt. Mannheim wird mit der Einführung der westlichen Riedbahn einer der bedeutendsten Intercity-Knotenpunkte in der Bundesrepublik sein.
Mannheim liegt an den bedeutenden großen Fernstraßen, sowohl Nord-Süd wie Ost-West. Wenn sie auch – wie heute früh wieder in den Nachrichten zu hören war – hin und wieder verstopft sind, es sind dennoch die bedeutenden großen Fernstraßen. Ich will sie im Einzelnen nicht nennen, weil sie Ihnen sicherlich weitgehend bekannt sind. Und, meine Damen und Herren, diese Stadt ist bemüht, ihre Standortgunst sowohl an den Schiffsstraßen, an den Schienenstraßen als auch an den Straßen selbst zu erweitern, indem sie versucht, auch Schnittpunkt zu werden bei den großen Kommunikationsstraßen, die sich durch die elektronischen Medien bedingt, quer durch die Bundesrepublik ziehen. Man kann sagen, alles, was sich zu Lande und in der Luft bewegt, hat in dieser Stadt Bedeutung. Das hat sich auch niedergeschlagen in den technischen Leistungen, die von dieser Stadt ausgegangen sind. Lassen Sie mich stellvertretend nur – um das zu charakterisieren – die Namen Dreiss nennen, der einst das Laufrad hier erfunden hat – heute das Fahrrad, zu dem leider allzu häufig die Radwege fehlen –; und Benz , der vor annähernd 100 Jahren das erste Automobil in Mannheim konstruiert hat – wir werden 1986 100 Jahre Automobil in Mannheim feiern können; und Dr. Huber, der hier den Landsbulldog konstruiert und gebaut hat; und Prof. Hämer, der vor 200 Jahren den ersten Heißluftballon vor dem Mannheimer Schloß hat aufsteigen lassen, und Schütte und Lanz, die hier ein Luftschiff gebaut haben. Das alles sind Entwicklungen, die von dieser Stadt ausgegangen sind.
Die fortschreitende Entwicklung in unserer Wirtschaft, der Drang zum eigenen Auto und zu mehr Mobilität und insbesondere – und ich sage das aus der Sicht einer Großstadt – die Trennung von Wohnung und Arbeitsplatz haben dazu geführt, daß in dieser Stadt wie in allen Städten in den 60er und 70er Jahren der Straßenbau im Vordergrund stand. Mannheim hat versucht in Abstimmung mit der Region, in die diese Stadt eingebettet ist, und mit der Nachbarstadt Ludwigshafen, das Straßennetz den Bedürfnissen anzupassen. Es ist sicher unbestritten, daß alle in den vergangenen 20 Jahren dazugelernt haben, was die Straßenplanung für die großen Städte betrifft. Die autogerechte Stadt ist mit Sicherheit nicht mehr das Ziel. Dennoch eines soll wohl unbestritten sein: auch in der Zukunft hat der Straßenbau Bedeutung. Wir sind derzeit bemüht und werden noch viele Jahre daran zu arbeiten haben, durch den Bau von Tangentenstraßen und örtlichen Umgehungsstraßen die Wohnquartiere in dieser Stadt vom Durchgangsverkehr zu befreien, weil es auch eine Frage der Lebensqualität unserer Städte ist, daß wir sie vom durchfließenden Verkehr freihalten. Natürlich läuft dazu parallel, Herr Präsident, Sie haben es angesprochen, die Fortschreibung der Entwicklungsprogramme beim öffentlichen Personennahverkehr und natürlich deren weiterer Ausbau. Wir haben in den vergangenen Jahrzehnten in dieser Stadt stets darauf hingearbeitet, daß der öffentliche Personennahverkehr mit schienengebundenen Fahrzeugen stattfindet und haben ein weit ausgebautes Straßenbahnnetz – wir haben es nie abgebaut, sondern weiter ausgebaut – und haben weitgehend die Straßenbahn auf eigenem Gleiskörper, was sehr wichtig ist.
Die Aufgabe im Straßenbau heißt aber heute – ich will es noch einmal bestärken – auch für uns „Umgehungsstraßen – Tangentenstraßen – Entlastung von Ortskernen“. Wichtig ist dabei, die Straße, dort wo sie Teil des Lebensraumes ist, wieder zum erlebbaren Raum für die Menschen zu machen. Wenn Sie durch diese Stadt heute gehen, werden Sie dafür eine Vielfalt von Beispielen finden. Und lassen Sie mich an dieser Stelle ein Thema ansprechen, das nicht nur ein Mannheimer Problem ist: ich habe es in einem kurzen Vorgespräch mit Ihnen, Herr Staatssekretär, schon ansprechen können: Unsere Städte leiden darunter, daß wir nicht in dem Maße investieren können, in dringend benötigte Entlastungsstraßen, wie wir es tun müßten, weil wir die Mittel dazu nicht zur Verfügung haben. Darunter leiden die Menschen, denen eben nach wie vor zugemutet wird, daß der Straßenverkehr vor dem Schlafzimmerfenster sich abspielt und die unerträgliche Lärmbelästigung weiterhin in Kauf genommen werden muß. Aber darunter leiden auch unsere Tiefbaufirmen, die bereit stehen, Straßen zu bauen, aber keine Auftraggeber finden, weil die Städte und Kommunen zur Konsolidierung ihrer Haushalte die Investitionen zurückfahren. Und deshalb scheint es uns angebracht, daß wir versuchen, auch neue Wege der Finanzierung solcher wesentlichen Bauvorhaben in den Städten zu finden, um auch in Zeiten knapper Kassen investieren zu können. Dazu gibt es eine Reihe von Gedanken, denen aber heute noch vielfältige gesetzliche Bestimmungen entgegenstehen. Die mittelfristige Finanzplanung, die in den Kommunen vorzunehmen ist, läßt es nicht zu, Vorfinanzierungen vorzunehmen oder durch andere vornehmen zu lassen, die zu Belastungen der kommunalen Haushalte außerhalb der mittelfristigen Finanzplanung führen. Noch ist ungeklärt, ob die GVFG-Zuschußmittel, die wesentlich sind für Straßenbauvorhaben, uns auch dann zufließen, wenn wir unkonventionelle Finanzierungssysteme benutzen. All das bedarf einer baldigen Klärung. Nur darüber zu reden, ist uns zu wenig! Die Bauwirtschaft braucht Arbeit, die Städte brauchen dringend Entlastungsstraßen, um die Lebensqualität zu steigern und das muß sich doch miteinander vereinbaren lassen, wenn in einer veränderten Situation auch die Bereitschaft gezeigt wird, Finanzierungssysteme, die bisher unüblich waren, zuzulassen, indem die gesetzliche Grundlage dafür geschaffen wird. Ich glaube, daß das ein wichtiges Anliegen der deutschen Städte ist und ich möchte es hier vor Fachleuten noch einmal deutlich zum Ausdruck bringen. Übrigens – das weiß ja jeder – 60 bis 70 % aller Aufträge im Hoch- und Tiefbau gehen nicht vom Bund und vom Land, sondern gehen von den Gemeinden aus. Und wer die Gemeinden nicht in die Lage versetzt, die Mittel für diese Investitionen aufzubringen – auch die Komplementärmittel – der wird dazu beitragen, daß die Aufträge immer weniger werden, und dann beschäftigen wir uns anschließend mit der Arbeitslosigkeit im Hoch- und Tiefbau. Mir scheint das nicht der richtige Weg zu sein.
Meine Damen und Herren, auch der Bau von Entlastungsstraßen – ich will das kritisch in einer Stadt mit anfügen, in der auch Umweltschutz von ganz großer Bedeutung ist – führt heute zunehmend zu Konflikten mit der Natur, zu Konflikten mit der Ökologie. Deshalb scheint es uns, Herr Vorsitzender, eine wichtige Aufgabe für die Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen zu sein, Grundlagen zu schaffen für einen überzeugenden Abwägungs- und Entscheidungsprozeß zwischen Straßen- und Verkehrswesen einerseits und Ökologie andererseits. Wichtige Entscheidungsgrundlagen, die die kommunalpolitischen Praktiker in ihren Gemeinden brauchen und die Sie nur von Ihnen, den Fachleuten, erhalten können. Wir wissen, die Straße behält ihre Bedeutung, nicht nur für den Straßenverkehr, sondern auch künftig für den Menschen. Denn Straßen – das muß man bei aller kritischen Diskussion sagen – verbinden heute so wie sie früher verbunden haben und trennen nicht letztendlich. Aber wir müssen die verkehrlichen Belange mit den Belangen des Städtebaues unter einen Hut bringen. Unser zuständiger Bürgermeister Gormsen, der ja Mitglied in Ihren Arbeitskreisen ist, ist ja auch Teilnehmer hier am Kongreß, er befaßt sich damit federführend innerhalb der Verwaltung der Stadt Mannheim und wird sicher im Laufe des Kongresses auch aus Mannheimer Sicht dazu einiges sagen können.
Ich sage abschließend: Straßen bleiben ein wichtiger Bestandteil unserer Infrastruktur und füge mit Besorgnis hinzu: wir brauchen aber in Zukunft auch die Mittel, um allein den Bestand der Straßen sichern zu können. Ich rede nicht mal nur von Neubau, sondern wir haben heute ja selbst Probleme, die Mittel aufzubringen, vorhandene Straßen zu erhalten.
Die Forschungsgesellschaft ist mit ihrer Hilfestellung für die Kommunalpolitik aus unserer praktischen Arbeit nicht wegzudenken. Die breite Palette der Aufgaben spiegelt sich ja auch wider in dem umfangreichen Programm, das Sie sich vorgenommen haben. Ich sage: Die Forschung muß fortgeführt werden. Sie leisten damit einen wesentlichen Beitrag, um ein wohl gemeinsames Ziel zu erreichen, nämlich die Erhaltung unserer Lebensformen, die Erhaltung unserer Mobilität – die Mobilität dieser Gesellschaft, die sich halt auch auf der Straße abspielt und auf die letztlich keiner verzichten will, so lauthals er noch darüber diskutiert oder diskutiert hat – und damit auch die Erhaltung unseres Wirtschaftspotentials, die doch die Grundlage der Erhaltung unserer Kultur ist.
Nun hätte ich ein Stichwort – und Sie werden sagen, ein Oberbürgermeister einer Stadt, die behauptet, auch eine Stadt der Kultur zu sein, hat zur Kultur kein einziges Wort gesagt, ich werde es mir deshalb versagen, weil die Anziehungswirkung Mannheimer Kulturinstitute so groß ist, daß ich um den Bestand des Kongresses fürchte. Aus diesem Grund will ich Ihnen hier nicht erst großen Appetit machen, denn Sie haben ein so gewaltiges Programm, daß ich nur sagen kann, wenn es Ihnen möglich ist, in Ihrer freien Zeit ein wenig von der Atmosphäre dieser Stadt mitzunehmen, vom Lebensgeist der Kurpfälzer, dann werden Sie sicher Ihrem Präsidenten zustimmen, daß es sich stets lohnt, diese Stadt zu besuchen.
Ich bedanke mich, daß Sie Gäste dieser Stadt sind, ich bedanke mich bei all denen, die diesen Kongreß vorbereitet haben und wünsche dem Kongreß einen guten Verlauf. |