FGSV-Nr. FGSV 001/11
Ort Würzburg
Datum 15.10.1986
Titel Technik im Wandel der Gesellschaft
Autoren Walther Christoph Zimmerli
Kategorien Kongress
Einleitung

Wie soll man sich im Grundsätzlichen orientieren, wenn nicht anhand eigener Lebenserfahrungen? – Als ich, in Gedanken bereits den heutigen Vortrag memorierend, am vergangenen Sonntag vom größten Flughafen der Welt, dem Hartsfield-Airport in Atlanta, abflog, um via New York, London und (um noch zwei weitere Weltstädte zu nennen) Braunschweig rechtzeitig nach Würzburg zu kommen, fiel mir wieder einmal auf, wie hart sich die Gegensätze stoßen: zuerst der Südstaaten-Singsang des schwarzen Schuhputzers, unmittelbar danach die computersimulierte Stimme, die im vollelektronisierten flughafeneigenen U-Bahnsystem die nötigen Hinweise zum Pendelverkehr zwischen den einzelnen Terminals ohne jede menschliche Tiefendimension gibt. Und als ich im hektischsten und lärmigsten Flughafen der Welt, dem John F. Kennedy-Airport in New York, auf meinen Anschlußflug wartete, sammelte ein junger Mann; offenkundig ein Student, Unterschriften für eine moralische Erneuerung und Rückbesinnung auf die traditionalen Werte.

Die alte und doch immer neue Frage, was denn eigentlich das Menschliche, das Humanum an uns Menschen sei, erhält so ihre eigentümliche Gegenwartsfärbung. Gehen wir auf im Getriebe der Umwelt, oder gehen wir auf eine ganz neue, bisher nie erreichte Stufe der Menschlichkeit zu; verdirbt uns unsere technologische Macht, oder schafft sie uns den neuen Menschen? Ist Nietzsches Vision vom Übermenschen nun in greifbare Nähe gerückt, oder manövrieren wir uns schlechthin ins Abseits? – Gewiß: dies sind allgemeine Fragen, vielleicht auch solche, die eher ins „Wort zum Sonntag“ gehören, in jenen Feierabend, der – durch die Segnungen der Technik immer länger werdend – der Besinnlichkeit und Muße eingeräumt wird, und somit auch in jene Gattung Festvortrag, die an großen Kongressen gewöhnlich einem Nachdenkthema gewidmet ist und von einem Philosophen; einem Spezialisten fürs Tiefgründige oder einem Erbaulichkeitsprofi gehalten wird.

Aber: täuschen wir uns nicht; die Zeit, in der solches bloß Kompensation war, in der Gedanken über den Sinn vor der Realität des Alltags haltmachen mußten, ist vorbei. Bis mitten in die scheinbar allerpragmatischsten Berufsprobleme hinein greift das, wovon ich hier spreche. Daß wir einen gigantischen Verschleiß betreiben, daß wir auf die Endlichkeit nicht nur unserer Welt überhaupt, sondern besonders und zumal auch der Ressourcen, der Natur und daß wir schließlich auch auf unsere eigene Endlichkeit stoßen, ist schon längst keine Angelegenheit spinnerter Sektierer und romantischer Realitätsblindheit mehr, sondern gehört in eben diese sogenannte Realität selbst hinein; die Zukunft gehört schon lange nicht mehr allein denen, die sich „ohne Rücksicht auf Verluste“ durchsetzen. Etwas Merkwürdiges ist im Gange: Wir ertappen uns plötzlich dabei, daß nicht nur die Umstände sich drastisch geändert haben, sondern daß auch wir selbst uns wandeln, daß wir Meinungen, die wir noch bis vor wenigen Jahren für ultramontan gehalten hätten, heute selbst teilen (was im übrigen nicht heißen soll, daß sie deswegen schon richtig wären). Sie alle kennen den immer wieder frappierenden relativistischen Effekt (der sich auch durch intensivstes Theoriestudium nicht beseitigen läßt), daß wir uns bei einem Blick aus dem Zugabteil in einem Bahnhof oft deswegen bereits wieder zu bewegen wähnen, weil ein Zug auf einem anderen Bahnsteig sich seinerseits in umgekehrter Richtung in Bewegung setzt. Und so merken wir oft – auch in anderen Zusammenhängen – nicht, was sich eigentlich ändert oder wandelt: unser Bezugssystem, wir selbst oder beides. Und nicht nur hilft wissenschaftlich-technische Einsicht hier nicht, sondern sie verstärkt diesen Eindruck geradezu.

Um im Bilde zu bleiben: In einem technisch perfekten IC-Waggon erster Klasse ist dieser Effekt noch viel drastischer als in einem alten rumpelnden Waggon, wie wir sie etwa bei uns noch ab und zu in den Interzonenzügen der Deutschen Reichsbahn finden können. Das Fehlen der Eigenvibration markiert zugleich auch den Verlust eines zusätzlichen Entscheidungskriteriums für die Frage: Wer bewegt sich denn nun eigentlich, – er oder wir? Selbst die Einsicht, daß – nun außerhalb des Bildes – vor allem Menschen in der zweiten Lebenshälfte sich der eigenen oder fremden Veränderungsgeschwindigkeit zunehmend bewußt werden, hilft hier nicht weiter, denn zum einen trifft sie in einer Zeit der jugendlichen Skepsis nicht mehr überall zu, und zum anderen ist sie, wo sie noch zutrifft, unmittelbar erklärbar: Um Änderungen biographisch überhaupt registrieren zu können, muß man bereits eine gewisse Zeit gelebt haben.

Kurz: Die Situation, in der wir uns befinden, ist uns ebenso unübersichtlich (Habermas, 1985) geworden wie wir selbst. Und da dieses Phänomen, wie jeder aus seiner eigenen Lebenserfahrung weiß, nicht unabhängig von der unser Leben durchdringenden Macht der Technik ist, der wir uns durch unser eigenes Tun oder durch das anderer beruflich oder privat ausgesetzt sehen, gilt es, ihm im Zusammenhang mit der Technik nachzudenken.

Ich will das in den folgenden drei Schritten tun: Ausgegangen werden soll von Überlegungen zum Gedanken des Wandels im allgemeinen (I), die dann auf den Wandel von Technik und Gesellschaft bezogen werden sollen (II). Dies wird uns die nötigen Voraussetzungen geben, um die veränderte technologische Gegenwart und die Konsequenzen aus unserer gewandelten Einstellung zu ihr zu bedenken (III). 

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Der Fachvortrag zur Veranstaltung ist als PDF verfügbar.