Ich freue mich sehr darüber, daß die Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen den Deutschen Straßenkongreß 1986 wieder in Bayern abhält und als Tagungsort Würzburg mit seinem neuen Congress-Centrum gewählt hat. Mit Würzburg haben Sie aber nicht nur ein kulturhistorisches Kleinod mit durch den Wein gestützter Lebensqualität als Tagungsort erkoren, sondern auch eine lebendige Großstadt. In ihrem Einzugsbereich werden gegenwärtig bedeutsame Vorhaben im Verkehrswegebau realisiert.
Ich nenne nur die Bundesbahnneubaustrecke Würzburg – Hannover und die Bundesautobahn A 7 Würzburg – Ulm. Im Rahmen Ihrer Fachbesichtigungen werden Sie diese Projekte am Freitag besichtigen können.
Ich heiße Sie alle hier am Main willkommen
– als Stellvertreter des Bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß, dessen herzliche Grüße ich überbringe,
– als Bayerischer Staatsminister des Innern und damit in der Funktion des „Straßenbauministers“
– und als gebürtiger Franke, der stolz darauf ist, daß seine Heimat in der ganzen Bundesrepublik so viele Freunde besitzt.
Bayern hat sich in den vergangenen drei Jahrzehnten vom Agrarland zu einer der modernsten Industrieregionen Europas entwickelt. Es ist uns gelungen, eine moderne Wirtschaftsstruktur aufzubauen, die überdurchschnittlich viele und zukunftssichere Arbeitsplätze bietet. Bayern hat die Herausforderung der dritten industriellen Revolution angenommen.
Wir sind davon überzeugt: Ohne technische Innovation und die damit verbundene Rationalisierung können die Unternehmen international nicht wettbewerbsfähig bleiben. Ohne Wettbewerbsfähigkeit aber ist kein einziger Arbeitsplatz auf Dauer sicher. Gerade das letzte Jahrzehnt hat gezeigt: Arbeitsplätze sind bisher stets in den Wirtschaftszweigen weggefallen, in denen es an Innovationskraft und Innovationsbereitschaft oder an Innovationsfähigkeit gefehlt hat.
Bayern hat sich seinen Blick in die Zukunft nicht durch ideologische Scheuklappen verengen lassen: Das Notwendige zu erkennen und durchzusetzen, war, ist und bleibt die politische Leitlinie der Bayerischen Staatsregierung.
Von allen Bundesländern weist Bayern den größten Anteil am Zonenrand- und Grenzgebiet auf. Überdurchschnittlich weite Entfernungen zu Bezugs- und Absatzmärkten und somit hohe Transportkosten auf Schiene und Straße belasten die Wettbewerbsfähigkeit der bayerischen Wirtschaft. Die Bayerische Staatsregierung hat sich deshalb ständig für den Ausbau leistungsfähiger Verkehrswege in allen Regionen Bayerns eingesetzt - auch wenn es heutzutage nicht opportun anmuten mag, für den Straßenbau einzutreten. Wir wollen kein autogerechtes Land um jeden Preis, sondern eine effiziente Verkehrsinfrastruktur der verschiedenen, sich ergänzenden Verkehrsträger.
Betriebsansiedlungen in schwach strukturierten Gebieten sind ohne gute Verkehrsanbindungen nicht möglich. Aber auch für jeden Bürger sind die Verkehrsbedingungen ein wesentliches Element der Lebensqualität, ob es nun um den Weg zur Arbeit oder die Gestaltung des Alltags, um Freizeit und Erholung geht. Mobilität gehört zu den Lebenselementen einer freiheitlichen Gesellschaft – und das ohne Zweifel auch in Zukunft.
Leider war die Verkehrspolitik des Bundes seit der Aufstellung des „Ausbauplans für die Bundesfernstraßen 1971 – 1985“ durch Sprunghaftigkeit und Konzeptionslosigkeit geprägt. So versprach Georg Leber die Autobahn praktisch vor der Haustür. Lauritz Lauritzen stellte fest, daß der Mensch Vorfahrt hat; bei Kurt Gescheidle ging die Qualität von Quantität, und Volker Hauff gar hielt Investitionen nur noch für bedingt erforderlich, weil er das Bundesfernstraßennetz plötzlich für faktisch fertig erklärte. Letzteres Urteil von Herrn Hauff war – jedenfalls im Blick auf Bayern mit seinem großen Anteil an strukturschwachen Regionen im Zonenrandgebiet – schlichtweg falsch.
Ich brauche in diesem so sachkundigen Kreise nicht eigens darauf hinzuweisen, daß auch „nach Tschernobyl“ das Automobil in weiten Kreisen als Umweltfeind Nr. 1 gilt.
Das Auto ist jedoch aus dem Wirtschaftsleben unserer Tage nicht mehr wegzudenken:
– Jeder 7. Arbeitsplatz hängt in Deutschland mittelbar oder unmittelbar mit dem Automobil zusammen.
– Die deutsche Automobilindustrie ist der konjunkturelle Schrittmacher. Die Automobilbranche produziert nicht nur Autos, sondern auch Arbeitsplätze wie am Fließband. Obwohl gerade in dieser Branche 6 von 10 der in Deutschland eingesetzten Industrieroboter arbeiten, sind hier seit 1983 bis heute 60 000 neue Arbeitsplätze geschaffen worden.
– Das Auto ist das Hauptexportgut der deutschen Wirtschaft. Gut 17 % des gesamten Exports von 540 Mrd. DM im letzten Jahr wurden mit Straßenfahrzeugen getätigt.
Selbst diejenigen, die gegen das Auto Sturm laufen, profitieren von den Erträgen aus seiner Produktion, oder sie benutzten es gar, um zu ihren Protestversammlungen zu fahren. Ohne Last- und Lieferwagen würde die Versorgung unserer Bürger mit Gütern des täglichen Bedarfs zusammenbrechen. Ohne Omnibus und Pkw wären sehr viele Arbeitsplätze unerreichbar. Ohne Auto bliebe für viele die so sehr geschätzte Freizeit in den Bergen und auf dem Land, an den Seen und im Grünen, am Wochenende und im Urlaub eine Fata Morgana.
Gewiß, Auto und gesunde Umwelt sind nicht ohne besondere Anstrengungen ein harmonisches Paar. Aber gerade das Beispiel Auto zeigt überzeugend, daß effektiver Umweltschutz aus moderner, zielbewußt genutzter und entwickelter Technik wächst. Der Katalysator ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Der Kraftstoffverbrauch der neu abgesetzten Personenkraftwagen ist seit 1978 um ein Viertel gesunken. Weitere Techniken werden folgen. Noch weniger Kraftstoffverbrauch und noch bessere Abgasreinigung sind das Ziel. Unsere Ingenieure sind noch lange nicht an ihre Grenzen gestoßen.
Straßen waren Voraussetzung für den heute erreichten Lebensstandard, sie halfen unsere Kultur und Zivilisation zu schaffen, sie werden auch in Zukunft den gleichen Stellenwert haben wie vor. Der Wohlstand der Industrienationen hängt mehr dennoch von einem gut funktionierenden Verkehrssystem ab.
In diesen Wochen und Monaten wird an vielen Orten des Beginns von Goethes italienischer Reise vor 200 Jahren gedacht. Seine Unternehmung ist heute jedermann möglich. Ist der Fortschritt, ist die Demokratisierung des Reisens für alle von Übel? Bedeutet es nicht sehr viel Lebensqualität, daß es heute kein soziales Privileg mehr ist, durch Reisen Eindrücke zu gewinnen, Grenzen zu überschreiten, sich neue Horizonte zu erschließen?
Sollen wir zurück in eine mittelalterliche Welt mit in jeder Hinsicht streng abgegrenzten Lebensbezirken?
Das Wesen jeder rationalen Wissenschaft besteht darin, daß – frei von Vorurteilen, Stimmungen und persönlichen Interessen – nach reproduzierbaren Zusammenhängen zwischen Ursachen und Wirkungen gesucht wird.
In zunehmendem Maße kommt aber eine ganz andere Pseudowissenschaft auf: Man will bestimmte vorgegebene Tatsachen wie in einer voraufklärerischen Geisteshaltung um jeden Preis bekräftigen, ich scheue mich zu sagen beweisen, und benutzt hier Methoden, die naiven Zeitgenossen als „wissenschaftliche“ nahegebracht werden sollen. Wissenschaft ist hier meist nur ein aufgequollener Popanz von Pseudotheorien und bloßer Sophistik.
So werden heute die verkehrspolitischen Diskussionen fast nur noch nach vermeintlich umweltrelevanten Gesichtspunkten geführt, und hier reduziert auf Natur und Landschaft. Leider allzu oft wird der Begriff „Umwelt“ einseitig und wenig umfassend definiert. Der Mensch bleibt bei diesen Betrachtungsweisen oft genug ausgeschlossen. Diesen, meist auf ideologischen Hintergründen basierenden Standpunkten muß mit Nachdruck entgegengetreten werden. Dabei sollen wir Menschen uns selbst zwar nicht zum einzigen Subjekt, aber doch bewußt zu einem wesentlichen Bestandteil der Umwelt rechnen.
Probleme sind da, um gelöst zu werden. Es gilt,
– Probleme mit fortschrittlicher Technik zu lösen,
– Schwächen durch neue Ideen und Konzepte zu beheben,
– neue Wege zu gehen und anderen die Richtung zu zeigen.
Wir brauchen wieder eine andere Einstellung zu den Naturwissenschaften und zur Technik, statt nur von der „guten alten Zeit“ zu träumen. Sie war weit schlechter als wir uns heute überhaupt vorstellen können. Damals mußten die Menschen doppelt so lange arbeiten, hatten ein viel bescheideneres Auskommen und eine deutlich niedrigere Lebenserwartung. Wenn wir uns unseren Wohlstand erhalten wollen, dann müssen wir den technischen Fortschritt bejahen und gestalten.
Aus alledem ergibt sich für den Straßenbau: Neu zu bauende Straßen müssen insbesondere
– funktionsgerecht
– sicher
– umweltgerecht
– leistungsfähig und
– wirtschaftlich
sein.
Bereits vor über 60 Jahren hatte man im Straßenwesen die Notwendigkeit erkannt,
„... alle Kräfte, die wissenschaftlich, technisch und wirtschaftlich am Automobilstraßenwesen interessiert sind, zu einheitlicher Forschungsarbeit auf dem Gebiet des Automobilstraßenbaues zusammenzufassen und die praktische Anlage und Ausführung solcher Straßen zu fördern ... “.
Ich habe soeben – viele von Ihnen werden es bemerkt haben – aus der Satzung der am 21. Oktober 1924 in Berlin gegründeten „Studiengesellschaft für Automobilstraßenbau“ zitiert, kurz genannt „STUFA“, der Vorläuferin der heutigen Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen. Seit 62 Jahren trägt Ihre Gesellschaft damit zum Fortschritt auf allen Gebieten des Straßenwesens bei.
Grundlage Ihrer Arbeit war schon immer der Grundsatz der freiwilligen ehrenamtlichen Zusammenarbeit von Fachleuten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Verwaltung. Sie haben damit die besten und erfahrensten Fachleute aus diesen drei Sparten zu einer intensiven Zusammenarbeit gebracht. Diesem Prinzip, das allen Beteiligten viel Engagement abverlangt, ist es zu verdanken, daß die Forschung im Straßen- und Verkehrswesen weder verstaatlicht noch durch Interessengruppen zerrissen worden ist.
Das hat zu Vorschriften, Richtlinien und Merkblättern geführt, die von der Wirtschaft und von der Verwaltung gleichermaßen anerkannt werden, und die – dieses Kompliment haben Sie mehr als verdient – auch für den Straßenbau in vielen anderen Ländern richtungsweisend geworden sind.
Zusammen mit dem Bundesminister für Verkehr tragen Sie das „Gemeinsame Forschungsprogramm“. Mit ihm werden Schwerpunkte entsprechend den aktuellen verkehrs- und haushaltspolitischen Fragestellungen gesetzt. Dabei berücksichtigen Sie auch die Grundlagenforschung und das Ausfüllen der einen oder anderen Erkenntnislücke. Mit dieser Koordinierung vermeiden Sie ein unwirtschaftliches Neben- oder gar Gegeneinander in der Forschung.
Ich hoffe, Herr Kollege Bayer, daß das Bundesverkehrsministerium die bayerische Ansicht teilt, daß alles getan werden muß, um die bisher praktizierte erfolgreiche Durchführung der Forschungstätigkeit auf der Basis der Zusammenarbeit von Bundesverkehrsministerium und Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen zu erhalten.
Lassen Sie mich noch einmal zurückkehren zu den brennenden Fragen nach der Verträglichkeit von Straße und Umwelt. Bau und Betrieb von Straßen sind, wie alle von Menschen geschaffene Infrastruktur, immer mit Einwirkungen auf Natur und Landschaft verbunden. Nicht zuletzt im bayerischen Straßenbau können wir jedoch auf eine sehr positive und traditionsreiche Entwicklung bei der Berücksichtigung von Natur- und Landschaft zurückblicken. Die enge Verknüpfung von Straßenbau und Landschaftsgestaltung hat schon im vorigen Jahrhundert zu bemerkenswerten Regelungen in bayerischen Vorschriften geführt. Die Initiative und Mitarbeit bayerischer Fachleute in den einschlägigen Gremien hat eine fruchtbare Zusammenarbeit von Straßenplanern und Fachkräften der Landschaftspflege gebracht. Fertiggestellte Bauvorhaben zeigen dieses erfolgreiche Bemühen um einen landschaftsgerechten Straßenbau.
Ein sparsamer Flächenverbrauch ist dabei sowohl im Interesse der Grundeigentümer als auch im Sinne des Bodenschutzes eine grundlegende Vorgabe. Bei der Wahl des Straßenquerschnitts orientieren wir uns eher an der unteren Grenze des aus Gründen des Verkehrsflusses und der Verkehrssicherheit Notwendigen und Vertretbaren. So wird auch nach der Fertigstellung des bayerischen Autobahnnetzes der Anteil aller befestigten Autobahnflächen an der Gesamtfläche Bayerns noch unter 1 Promille liegen.
Allen unseren Bemühungen zur Verbesserung der Umwelt muß die Erkenntnis zugrunde liegen, daß sich Probleme, die sich durch Werke der Technik ergeben haben, nur durch den Einsatz von Technik und Wissenschaft sowie geleitet von Sachlichkeit, Nüchternheit und Rechtsstaatlichkeit auch wieder lösen lassen. Die gerne als umweltschonend verbrämte Flucht in ein vortechnisches einfaches Leben bringt keine Lösungen. Sie ist eine Flucht vor Zukunftsaufgaben und damit vor Verantwortung. Sie geht zu Lasten derer, die das soziale Netz knüpfen, in das die „Aussteiger“ dann ganz weich eines Tages wieder fallen wollen. Hier auf Ihrem fachlichen Gebiet aufklärend zu wirken, ist auch eine wichtige Aufgabe Ihrer Gesellschaft. Sie leisten mit problembewußter, durch Kompetenz ausgezeichneter Arbeit viel für unser Gemeinwesen.
Herr Vorsitzender, lassen Sie mich Ihnen und den Mitgliedern ihrer Gesellschaft, da Sie ja alle ehrenamtlich tätig sind, zum Schluß noch einmal sehr herzlich danken für Ihren umfassenden Einsatz zum Wohle unseres Landes. Dieser Dank soll auch zum Ausdruck bringen, wie notwendig es ist, Leistungswillen, Pflichterfüllung und die Bereitschaft zu zeigen, sich ständig fortzubilden. Ohne solche Tugenden und ohne solchen Einsatz gibt es keine humane Zukunft.
Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg bei der Bearbeitung und Lösung Ihrer vielfältigen Aufgaben und einen erfolgreichen Verlauf Ihres Kongresses. |