Die Verkehrsplanung für die Stadt Rostock hat Tradition. An einem Generalbebauungsplan aus dem Jahre 1937 und an Flächennutzungsplänen aus der Zeit um 1950 haben sich Architekten als Verkehrsplaner versucht. Verkehrsplanung mit wissenschaftlichen Methoden begann Ende der 50er Jahre, als die ersten z. B. in der Hochschule für Verkehrswesen ausgebildeten Verkehrsingenieure tätig wurden. Für Rostock wurde 1959 der erste Generalverkehrsplan erarbeitet. In etwa 10jährigem Abstand erfolgte bis 1989 jeweils eine Neufassung. Kennzeichnend für die Zeit einer Euphorie beim „sozialistischen Aufbau“ ist der Plan aus den 60er Jahren (Bild 1).
Die Einwohnerzahl Rostocks hatte sich nach dem Kriege auf fast 200 000 Einwohner verdoppelt, ein Anwachsen auf über 300 000 war ins Auge gefaßt. Das Bewußtwerden der wirtschaftlichen Schwäche des Systems führte später wieder zu reduzierten Planungen.
Deutlicher als je zuvor sind nach den politischen, wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen, insbesondere aber der sprunghaften Motorisierungsentwicklung (Bild 2), die Defizite in der Verkehrsinfrastruktur, die Folgen einer Vernachlässigung der Attraktivität des ÖPNV, der umweltverträglichen Verkehrsarten insgesamt auch in der Stadt Rostock hervorgetreten. Ohne daß Zeit, Mittel und Möglichkeiten gegeben waren, einer Umkehrung des Modal-Split ÖPNV: MIV von 60:40 auf 40:60 Prozent entgegenzuwirken, mußten die Mahnungen unserer westdeutschen Fachkollegen verhallen, Fehler in der Verkehrsentwicklung nicht zu wiederholen.
Die Entwicklung ist über uns gekommen, ohne daß wir auch nur den geringsten Schritt in Richtung auf das Trugbild einer autogerechten Stadt hätten tun können. Und das wollten wir auch gar nicht, denn die Entwicklung im hochmotorisierten Westen war uns durchaus vertraut.
Über uns gekommen sind auch die Rechts- und Verwaltungsvorschriften, die jede der dringlichen Maßnahmen zur Entwicklung der Infrastruktur im Keime zu ersticken drohen. Es ist erfreulich, daß die Erkenntnis dieser Problematik bereits zur Vereinfachung von Verwaltungsabläufen zunächst für die ostdeutschen Länder geführt hat und nun unter Druck der westdeutschen Kollegen und einer progressiven Haltung des Bundesverkehrsministers mit generellen Erleichterungen auf Bundesebene gerechnet werden kann.
Der Weg zum neuen Generalverkehrsplan für die Stadt Rostock begann Ende 1989. Der Unmut der plötzlich mündig gewordenen Bürger wurde damals durch die noch vorhandene politische Führung bewußt auch auf den Bereich der Stadt- und Verkehrsplanung gelenkt. Wir stellten uns der Diskussion in Bürgerforen, legten in einer großen Ausstellung unsere gesamte bisherige Planung offen und führten eine öffentliche Befragung zur Mängelanalyse des Verkehrs in der Stadt Rostock durch. Es gab eine kurze, nahezu führungs- und rechtsfreie Zeit, in der sich Bürgeraktive bildeten, um auf die wichtigsten Belange der Kommunalverwaltung Einfluß zu nehmen. Ein Bürgerarbeitskreis „Generalverkehrsplan“ wertete unter Betreuung durch Verkehrsfachleute die Mängelanalyse aus und erarbeitete den Vorschlag zu einer „Verkehrspolitischen Zielstellung“ für ein neues Verkehrskonzept.
Nachdem dieser Vorschlag auch die Hürde eines Arbeitskreises „Ökologisches Verkehrskonzept“ genommen hatte, wurde er als „Verkehrspolitisch-ökologische Zielstellung für die Neufassung des Generalverkehrsplanes“ durch das Stadtparlament beschlossen. |