FGSV-Nr. FGSV 001/18
Ort Hamburg
Datum 04.10.2000
Titel Sind deutsche Straßentunnel sicher genug? – Erkenntnisse und Konsequenzen aus nationalen und internationalen Untersuchungen
Autoren Wolfgang Baltzer
Kategorien Kongress
Einleitung

Brandkatastrophen, wie sie sich 1999 im Mont-Blanc-Tunnel und im Tauerntunnel ereignet haben, zeigen, dass es eine 100-prozentige Sicherheit nicht gibt. Wir akzeptieren auch bei Straßentunneln ein so genanntes Restrisiko. Um die Frage nach der Sicherheit eines Straßentunnels beantworten zu können, ist zunächst eine Risikoanalyse durchzuführen, mit Hilfe derer eine Bewertung nach Schadenhäufigkeit und Schadenausmaß durchgeführt werden kann. Welches Restrisiko nun akzeptiert wird, ist eine Frage der gesellschaftlichen Akzeptanz. Für den Tunnelnutzer besteht grundsätzlich das Risiko, in einen Unfall verwickelt zu werden. Sein Fahrverhalten ist auf Grund der beeinträchtigten Sichtweiten gegenüber der freien Strecke verändert. Insgesamt wird innerhalb eines Tunnels langsamer gefahren als außerhalb, aber mit einem wesentlich geringeren Sicherheitsabstand. Daher verwundert es nicht, dass der Auffahrunfall die häufigste im Tunnel anzutreffende Unfallart ist. Allgemein ist die Unfallrate jedoch geringer als auf der freien Strecke. Zum anderen sind aber bei einem Zwischenfall in einem Tunnel die Auswirkungen erheblicher als auf der freien Strecke. Zugangsmöglichkeiten für die Hilfskräfte und Fluchtmöglichkeiten für die Verkehrsteilnehmer sind nur über vorgesehene Wege möglich. Im Falle eines Brandes kommt erschwerend hinzu, dass sich auch der Rauch und die Temperatur auf diesen Wegen ausbreiten. Um im Tunnel eine der freien Strecke vergleichbare Sicherheit zu gewährleisten, müssen Vorkehrungen für den Personen- und Bautenschutz getroffen werden.

In Deutschland sind derzeit etwa 150 km Straßentunnel in Betrieb, etwa 64 weitere km sind im Bau und weitere 100 km sollen demnächst in Angriff genommen werden. Die Zahlen verdeutlichen, dass im Straßenverkehrsnetz bereits eine beträchtliche Anzahl von Tunnelstrecken vorhanden ist und in Zukunft weiter stark ansteigen wird. Dabei geht die Tendenz zu immer längeren Tunneln. Vor diesem Hintergrund gewinnt die Frage nach der Sicherheit der Tunnelnutzer immer mehr an Bedeutung, insbesondere hinsichtlich des Brandschutzes.
Sicherheitsrisiken werden teilweise auf ein geändertes Fahrverhalten im Tunnel zurückgeführt. Tunnel umschließen den gesamten Fahrraum, so dass die gewohnten Raumbilder der freien Strecke fehlen. Man fährt durch eine Röhre, einen sowohl in der Höhe als auch in der Breite eng umgrenzten Raum. Im Adaptionsbereich werden die Geschwindigkeiten reduziert und die Fahrzeugabstände ändern sich. Neben diesem Aspekt können aber auch Querschnittsreduzierungen gegenüber der freien Strecke zu Sicherheitsrisiken führen.
Aus Kostengründen wird in der Regel der auf der freien Strecke bei Richtungsfahrbahnen vorhandene Standstreifen oder das bei einbahnigen Straßen vorhandene Bankett in einen Tunnel nicht weitergeführt. Liegenbleiber blockieren, da keine seitlichen Abstellmöglichkeiten gegeben sind, teilweise oder vollständig einen Fahrstreifen. Der nachfolgende Verkehr wird durch das Hindernis gefährdet. Es muss zunächst als solches erkannt und davor angehalten bzw. eventuell umfahren werden, wobei kritische Verkehrssituationen nicht auszuschließen sind. Demzufolge treten in Tunneln als häufigste Unfallarten Auffahrunfälle und so genannte Selbstunfälle auf; dies sind Unfälle, bei denen der Fahrer die Gewalt über sein Fahrzeug verloren hat. Allgemein ist die Unfallrate jedoch geringer als auf der freien Strecke.
Die Auswirkungen bei einem Zwischen fall in einem Tunnel sind jedoch erheblicher als auf der freien Strecke. Zugangsmöglichkeiten für die Hilfskräfte und Fluchtmöglichkeiten für die Verkehrsteilnehmer sind nur über vorgegebene Wege möglich, den Tunnel oder speziell angelegte Flucht- bzw. Zugangswege. Im Falle eines Brandes kommt erschwerend hinzu, dass sich auch der Rauch und die Temperatur auf diesem Wege ausbreitet.
Um nun auch im Tunnel eine der freien Strecke vergleichbare Sicherheit zu gewährleisten, müssen Vorkehrungen für den Personen- und Bautenschutz getroffen werden, die im Folgenden am Szenario Brandfall aufgezeigt werden.

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