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1 Einführung
Ein erfolgreiches Verkehrsmanagement setzt eine intensive Kommunikation zwischen den Betreibern und den Nutzern des Verkehrssystems voraus. Neben der Verfügbarkeit umfassender Informationen bei der Vorbereitung auf die Reise bzw. auf die spezielle Fahrt (Pre-Trip-lnformationen) gewinnt die Bereitstellung von aktuellen, dynamisch veränderbaren Verkehrsinformationen während der Fahrt (On-Trip-Informationen) zunehmend an Bedeutung.
Zur Netzsteuerung, d. h. zur Beeinflussung der Routenwahl in Abhängigkeit von der verkehrlichen Situation, werden in Teilbereichen des Autobahnnetzes substitutive oder additive Wechselwegweiser eingesetzt. Die Routenwahl wird auch durch den flächendeckenden Verkehrswarndienst im Rundfunk beeinflusst.
Zur Erhöhung der Verkehrssicherheit und zur Verbesserung des Verkehrsablaufs auf hochbelasteten Abschnitten des Bundesfernstraßennetzes haben sich Streckenbeeinflussungsanlagen bewährt, die unter weitgehender Verwendung von StVO-Zeichen situationsbedingte Ge- und Verbote sowie Hinweise über die Straßen- und Verkehrsverhältnisse im unmittelbaren Umfeld der Anzeigequerschnitte geben.
Als weiteres Mittel zur straßenseitigen, kollektiven Verkehrsbeeinflussung stehen „Dynamische Verkehrsinformationstafeln“ zur Disposition, mit deren Hilfe insbesondere Informationen über die Verkehrszustände in einem eng vermaschten Netzkorridor, zusätzliche Informationen über Ort, Ausdehnung und Folge von Störungen sowie daraus ableitbare Verhaltensempfehlungen darstellbar sind.
2 Mögliche Einsatzfelder dynamischer Verkehrsinformationstafeln im Bundesfernstraßennetz
Maßnahmen zur Steuerung und Regelung des Straßenverkehrs im Außerortsbereich werden üblicherweise in vier Beeinflussungsebenen eingeteilt:
- Ge- und Verbote (Geschwindigkeitsbeschränkung, Überholverbot usw.)
- Gefahrenwarnung (Warnung vor Verkehrsstörungen, Baustellen, ungünstigen Umfeldbedingungen usw.)
- Empfehlung, wobei zwischen netzbezogener Empfehlung (Routenführung im Fernstraßennetz) und streckenbezogener Empfehlung (z. B. Empfehlung zur ÖV-Nutzung) unterschieden werden kann
- Information, die ebenfalls netzbezogen oder streckenbezogen sein kann.
Mit den heute in Deutschland üblichen kollektiven Streckenbeeinflussungsanlagen werden in aller Regel ausschließlich Ge- und Verbote sowie Gefahrenwarnungen mittels StVO-Zeichen und Piktogrammen dargestellt. Substitutive Wechselwegweisungsanlagen dienen ausschließlich der verkehrsabhängigen Zielführung, auf additiven Wechselwegweisern können in beschränktem Umfang auch Informationen angezeigt werden, jedoch nur in Verbindung mit einer Umleitungsempfehlung.
Informationen über die Verkehrszustände auf einem längeren Streckenabschnitt oder in einem Netzkorridor, zusätzliche Informationen über Ort, Ausdehnung und Folge von Störungen sowie daraus ableitbare Verhaltensempfehlungen können mit den bisher üblichen kollektiven Verkehrsbeeinflussungsanlagen nicht oder nur unzureichend übermittelt werden.
Zur Darstellung derartiger Informationen bietet sich der Einsatz dynamischer Verkehrsinformationstafeln an, die im europäischen und außereuropäischen Ausland weit verbreitet sind und zunehmend – im Rahmen der Harmonisierung der Telematikinfrastruktur in Europa – auch in Deutschland zur Disposition stehen.
Die Tabelle 1 gibt einen Uberblick über die möglichen Einsatzfelder der verschiedenen (straßenseitigen) Systeme zur kollektiven Verkehrsbeeinflussung im Außerortsbereich.
Tabelle 1: Gegenüberstellung der Einsatzfelder kollektiver Verkehrsbeeinflussungssysteme
Der Einsatz dynamischer Verkehrsinformationstafeln kann insbesondere in folgenden Fällen zweckmäßig sein:
1. Ergänzung substitutiver Wechselwegweisungsanlagen
Durch den Einsatz dynamischer Verkehrsinformationstafeln in Ergänzung zu den substitutiven Wechselwegweisern kann eine deutliche Steigerung der Akzeptanz der Netzbeeinflussung erzielt werden. Durch Anzeige detaillierter Informationen über Ort, Ausdehnung und Folge von Störungen kann gezielter auf das lnformationsbedürfnis des ortskundigen Nah- und Regionalverkehrs eingegangen werden.
2. Alternative zur Netzsteuerung mit klassischen Wechselwegweisungsanlagen
In eng vermaschten Netzen reichen die Anzeigemöglichkeiten der klassischen (additiven oder substitutiven) Wechselwegweiser gemäß RWVZ oftmals nicht aus. In der Regel besteht hier ein Bedarf nach einer möglichst flexiblen, detaillierten Informationsdarstellung für den ortskundigen Verkehr, der diese Information als Entscheidungsgrundlage für seine Routenwahl verwenden kann.
3. Verlagerung von Individualverkehr zu öffentlichen Verkehrsmitteln
Durch den Einsatz dynamischer Verkehrsinformationstafeln kann der Kraftfahrer auf aktuelle Problembereiche im weiteren Streckenverlauf hingewiesen und (bei Vorhandensein geeigneter Alternativen) gezielt zur Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel animiert werden. Die Bereitstellung gezielter, situationsabhängiger Informationen an geeigneten Stellen ist eine Grundvoraussetzung dafür, die gewünschten Verlagerungseffekte zu erzielen.
4. Bereitstellung streckenbezogener Informationen
Durch den Einsatz dynamischer Verkehrsinformationstafeln kann der ortskundige Verkehr gezielt mit Informationen über besondere Ereignisse, die nicht im unmittelbaren Bereich einer Streckenbeeinflussungsanlage, sondern in entfernteren Streckenabschnitten und insbesondere stromabwärts von einem Entscheidungspunkt liegen, versorgt werden. Dadurch wird der ortskundige Verkehr in die Lage versetzt, Problembereiche (evtl. auch weiträumig oder über das untergeordnete Straßennetz) umfahren zu können.
5. Präventive Verkehrsinformation
Durch die Bereitstellung von Informationen über zukünftige Verkehrsbeeinträchtigungen wird der ortskundige Verkehr in die Lage versetzt, sich auf potenzielle Problembereiche, wie z. B. Baustellen oder Großveranstaltungen, einstellen und durch Anpassung seines Verkehrsverhaltens (Routenwahl, Verkehrsmittelwahl) reagieren zu können.
3 Gestaltung dynamischer Verkehrsinformationstafeln
3.1 Beispiele aus dem Ausland
In den europäischen Nachbarländern und außerhalb Europas ist der Einsatz dynamischer Verkehrsinformationstafeln weit verbreitet. Einsatzzweck und Gestaltung der Info-Tafeln variieren jedoch erheblich, wie die Beispiele in den Bildern 1 bis 4 zeigen.
Bild 1: Gestaltung dynamischer Info-Tafeln im Ausland – Beispiel Niederlande
Bild 2: Gestaltung dynamischer Info-Tafeln im Ausland – Beispiel Italien
Bild 3: Gestaltung dynamischer lnfo-Tafeln im Ausland – Beispiel Großbritannien (Info-Tafel an Autobahnzufahrten)
Bild 4: Gestaltung dynamischer Info-Tafeln im Auslarld – Beispiel Japan
3.2 Beispiele aus Deutschland
In Deutschland gibt es bisher nur wenige Pilotanlagen zur Verkehrsbeeinflussung mittels dynamischer Verkehrsinformationstafeln (siehe Beispiele in den Bildern 5 bis 7).
Bild 5: Gestaltung dynamischer Info-Tafeln in Deutschland – Beispiel A1, AK Lotte/Osnabrück
Bild 6: Gestaltung dynamischer Info-Tafeln in Deutschland – Beispiel A5, Rhein-Main-Gebiet
Bild 7: Gestaltung dynamischer Info-Tafeln in Deutschland – Beispiel Berlin
3.3 Vorschläge zur einheitlichen Gestaltung dynamischer Verkehrsinformationstafeln
Grundvoraussetzung für einen erfolgreichen Einsatz dynamischer Verkehrsinformationstafeln im Bundesfernstraßennetz sind klare und einheitliche Gestaltungsgrundsätze. Die Inhalte der dynamischen Verkehrsinformationstafeln müssen vom Kraftfahrer in der verfügbaren Lesezeit erfasst und verarbeitet werden können. Nach den Vorstellungen des Arbeitskreises sollten die Tafeln nach folgenden Grundsätzen gestaltet werden:
- Soweit möglich sind Verkehrszeichen, Symbole und Piktogramme zu verwenden, die allgemein verständlich sind
- In Textinformationen sollten soweit möglich international verständliche Begriffe verwendet werden (Beispiel: „via“ anstatt „über“)
- Die Informationen sind nach einer einheitlichen Struktur (hinsichtlich Art, Position und Reihenfolge der Informationsdarstellung) anzuordnen
- Der Informationsumfang sollte maximal vier Informationseinheiten betragen. Als eine Informationseinheit wird hierbei ein Begriff oder eine Folge von Symbolen und Wörtern verstanden, die inhaltlich in Relation zueinander stehen und im Zusammenhang erfasst werden können (Beispiele: BAB-Nr. + Fernziel; WVZ + Zusatzzeichen; Anschlussstellen-Nr. und -Name)
- Der Inhalt der Info-Tafeln muss einerseits nach der verfolgten Zielsetzung (Routenführung im Autobahnnetz, Verkehrsverlagerung auf andere Straßen oder zum öffentlichen Verkehr) und andererseits auch nach den maßgeblichen Nutzergruppen (Nahverkehr/Fernverkehr, Ortskundige/Ortsfremde) ausgerichtet sein.
Unter Berücksichtigung dieser Grundsätze wird vorgeschlagen, dynamische Verkehrsinformationstafeln nach folgendem Prinzip zu gestalten (Bild 8):
Bild 8: Gestaltungsprinzip dynamischer Verkehrsinformationstafeln (AK-Entwurf)
Der linke Bereich (Feld 1 = WVZ-Feld) ist für die Darstellung der Störungsart mittels Wechselverkehrszeichen (Verkehrszeichen des Typs B gemäß RWVZ, im Wesentlichen Z101, Z123 oder Z124). Darunter sind Zusatzzeichen des Typs C gemäß RWVZ (Z 1001/Z 1004 StVO, UNFALL, NEBEL usw.) darstellbar.
Im rechten Bereich der Info-Tafel (Felder 2 bis 4) sind bis zu drei Textzeilen vorgesehen, über die folgende Informationen bereitgestellt werden können:
- Störungsort
- Ausmaß der Störung
- Handlungsempfehlung.
Als Alternative hierzu wurde von der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) ein Gestaltungskonzept entworfen, das sich an den bestehenden additiven Wechselwegweisern orientiert (Bild 9).
Bild 9: Gestaltungsprinzip dynamischer Verkehrsinformationstafeln (BASt-Entwurf)
Die Vor- und Nachteile der vorgeschlagenen Gestaltungsprinzipien sowie die Begreifbarkeit und Akzeptanz der Info-Tafeln werden derzeit im Auftrag der Bundesanstalt für Straßenwesen näher untersucht. Für eine abschließende Beurteilung der Wirkung dynamischer Verkehrsinformationstafeln sind umfassende empirische Untersuchungen anhand von Feldversuchen vorgesehen.
4 Chancen und Risiken der Verkehrsbeeinflussung mittels dynamischer Verkehrsinformationstafeln
Folgende Argumente sprechen für den Einsatz dynamischer Verkehrsinformationstafeln als weiteres Mittel zur Verkehrsbeeinflussung:
- Bessere Information der Verkehrsteilnehmer möglich, dadurch bessere Akzeptanz von Umleitungsempfehlungen zu erwarten
- Flexiblere und detailliertere Information des ortskundigen Nah- und Regionalverkehrs möglich, dadurch bessere Netzauslastung zu erwarten
- Hinweise auf öffentliche Verkehrsmittel möglich, dadurch verkehrspolitisch erwünschte Verlagerungseffekte vom IV zum ÖV zu erwarten
- Präventive Verkehrsinformation möglich, dadurch Anpassung des Verkehrsverhaltens (Routenwahl, Verkehrsmittelwahl) zu erwarten
- Harmonisierung der Darstellung von Verkehrsinformationen in europäischen Verkehrskorridoren möglich.
Die Kritiker weisen auf folgende Nachteile und Risiken hin:
- Sicherheitsrisiko durch Informationsüberfrachtung der Verkehrsteilnehmer
- Abweichung von der bisher üblichen Philosophie der Verkehrsbeeinflussung, dadurch Überforderung der Verkehrsteilnehmer zu befürchten
- Gefahr der Nutzung zu verkehrsfremden Zwecken
- Bisher liegt noch keine allgemeingültige, verkehrsrechtliche Zustimmung vor
- Information der Verkehrsteilnehmer ist auch durch fahrzeugseitige Einrichtungen (Verkehrsfunk, individuelle Zielführungssysteme) möglich, dadurch werden straßenseitige Info-Tafeln ggf. hinfällig.
Es besteht die Aufgabe, die Chancen und Risiken der Verkehrsbeeinflussung mittels dynamischer Verkehrsinformation sorgfältig gegeneinander abzuwägen und einheitliche Gestaltungsgrundsätze für die Darstellung verkehrsrelevanter Informationen zu entwickeln. |