Derzeitige Bevölkerungsprognosen erwarten für die Bundesrepublik Deutschland (und für fast alle europäischen Staaten) langfristig neben einem deutlichen Rückgang vor allem eine zunehmende Überalterung der Bevölkerung. Von dieser Entwicklung ausgehend werden Szenarien erstellt, die mögliche Konsequenzen für die Verkehrs-Infrastruktur aufzeigen und dabei auch weitere Einflüsse wie zunehmende Pkw-Verfügbarkeit und Altersmobilität berücksichtigen. Als wichtigste Erkenntnis hat sich hierbei gezeigt, daß langfristig auch bei den Kfz-Fahrten (im Personenverkehr) mit einer Abnahme zu rechnen ist. Aufgrund der langen Zeiträume von der Planungsentscheidung bis zur Realisierung von Infrastrukturmaßnahmen und deren langen Lebensdauer gewinnt die Frage zunehmend an Bedeutung, wie sich abnehmende Tendenzen in der Verkehrsnachfrage und Verschiebungen in den Fahrtzweckanteilen auf Maßnahmenentscheidungen (Prioritäten) im IV und im ÖV auswirken. Der Beitrag ist eine Kurzfassung des Arbeitspapieres Nr. 18 der Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen e. V., Köln, die Autoren sind Mitglieder des Arbeitskreises „Perspektiven für langfristige Mobilitätsentwicklungen“.
Die Planung und Gestaltung unserer Verkehrssysteme sind stark auf die Zukunft orientiert, da bedeutende Infrastrukturmaßnahmen (z. B. Bau von S- und U-Bahn-Strecken, Neubaustrecken der Deutschen Bundesbahn, Ausbau von Bundesfernstraßen) zu den langfristigsten Investitionen überhaupt gehören. Für die Bundesrepublik zeichnet sich bis zum Jahr 2030 nicht nur ein drastischer Bevölkerungsrückgang, sondern vor allem auch eine zunehmende Überalterung der Bevölkerung ab. Der Bedarf an Verkehrsinfrastruktureinrichtungen wird insbesondere dann in erheblichem Maße davon betroffen sein, wenn die Auswirkungen dieser Bevölkerungsentwicklung nicht durch andere, gegenläufige Entwicklungen wenigstens teilweise kompensiert werden. Daher ist es besonders wichtig, die Verkehrsentwicklung nicht nur bis zur Jahrtausendwende zu überprüfen, sondern die mögliche Entwicklung in der Zeit nach dem Jahr 2000 rechtzeitig in die planerischen Überlegungen mit einzubeziehen.
Zu dieser Problematik will der vorliegende Beitrag „Denkanstöße“ geben.
Die prognostisch am besten gesicherte Aussage für das Personenverkehrsaufkommen läßt sich über die Bevölkerungsentwicklung treffen, da eine (längerfristig wirksame) Tendenzwende nur durch eine kurzfristige tiefgreifende Veränderung des generativen Verhaltens und/oder durch erhebliche Zuwanderungen von Ausländern erfolgen könnte. Gut abgesichert sind auch Aussagen über das Verkehrsverhalten der Bevölkerung unter Status-quo-Bedingungen, während Veränderungen im Verkehrsverhalten über das Jahr 2000 hinaus zahlreichen Unwägbarkeiten unterliegen.
Für die Bundesrepublik Deutschland bilden die Daten der KONTIV 1982, für das Fallbeispiel Region Mittlerer Neckar Daten einer analogen Haushaltsbefragung 1981 die Grundlagen für die quantitative Abschätzung der Verkehrsentwicklung. Dies erfolgt in Form von Basisszenarien. die Bezeichnung Basisszenario hebt hervor, daß zunächst nur die Auswirkung der soziodemographischen Bevölkerungsentwicklung sichtbar gemacht werden soll und deshalb auch zunächst von einem gleichbleibenden Verkehrsverhalten je Altersgruppe ausgegangen wird. Die Basisszenarien für das Fallbeispiel werden zusätzlich mit den Einflußgrößen „Altersmobilität“ und „Pkw-Verfügbarkeit“ überlagert.
Alle weiteren Einflüsse auf die Verkehrsentwicklung, die in sehr komplexer Weise miteinander verflochten sind, werden dagegen in Form von offenen Fragen und Thesen behandelt, die von der Entwicklung der Siedlungsstruktur, dem technologischen Wandel und sozialen Prozessen („Wertewandel“) über die Entwicklung der Freizeit und der Motorisierung bis hin zum Einfluß von Strategien zur Beeinflussung der Verkehrsmittelwahl reichen. |